Fünfte Rede.
Zum Behuf einer Schilderung der Eigenthümlichkeit der Deutschen ist der Grund-Unterschied zwischen diesen und den andern Völkern Germanischer Abkunft angegeben worden, daß die erstern in dem ununterbrochenen Fortflusse einer aus wirklichem Leben sich fortentwickelnden Ursprache geblieben, die letztern aber eine ihnen fremde Sprache angenommen, die unter ihrem Einflusse ertödtet worden. Wir haben zu Ende der vorigen Stunde andre Erscheinungen an diesen also verschiedenen Volksstämmen angegeben, welche aus jenem GrundUnterschiede nothwendig erfolgen mußten; und werden heute diese Erscheinungen weiter entwickeln, und fester auf ihrem gemeinsamen Boden begründen.
Eine Untersuchung, die sich der Gründlichkeit befleißiget, kann manches Streites, und der Erregung von mancherlei Scheelsucht sich überheben. Wie wir ehemals, in der Untersuchung, von der die gegenwärtige die Fortsetzung ist, thaten, so werden wir auch hier thun. Wir werden Schritt vor Schritt ableiten, was aus dem aufgestellten Grund Unterschiede folgt, und nur darauf sehen, daß diese Ableitung richtig sey. Ob nun die Verschiedenheit der Erscheinungen, die dieser Ableitung zufolge seyn sollte, in der wirklichen Erfahrung eintrete oder nicht, dies zu entscheiden, will ich lediglich Ihnen, und jedem Beobachter überlassen. Zwar werde ich, was insbesondere den Deutschen betrift, zu seiner Zeit darlegen, daß er sich wirklich also gezeigt habe, wie er unsrer Ableitung zufolge seyn mußte. Was aber den Germanischen Ausländer betrift, so werde ich nichts dagegen haben, wenn einer unter ihnen wirklich versteht, wovon eigentlich hier die Rede sey, und wenn diesem hernach auch der Beweis gelingt, daß seine Landsleute eben auch dasselbe gewesen seyen, was die Deutschen, und wenn er sie von den entgegengesetz ten Zügen, völlig loszusprechen vermag. Im allgemeinen wird unsre Beschreibung auch in diesen gegentheiligen Zügen keinesweges in das nachtheilige und grelle hin zeichnen, was den Sieg leichter macht denn ehrenvoll, sondern nur das nothwendig erfolgende angeben, und dieses so ehrbar ausdrücken, als es mit der Wahrheit bestehen kann.
Die erste Folge von dem aufgestellten GrundUnterschiede, die ich angab, war die: beim Volke der lebendigen Sprache greife die Geistesbildung ein in das Leben: beim Gegentheile gehe geistige Bildung und Leben jedes für sich seinen Gang fort. Es wird nüzlich seyn, zuförderst den Sinn des aufgestellten Satzes tiefer zu erklären. Zuförderst, indem hier vom Leben, und von dem Eingreifen der geistigen Bildung in dasselbe geredet wird, so ist darunter zu verstehen das ursprüngliche Leben, und sein Fortfluß aus dem Quell alles geistigen Lebens, aus Gott, die Fortbildung der menschlichen Verhältnisse nach ihrem Urbilde, und so die Erschaffung eines neuen, und vorher nie dagewesenen; keinesweges aber ist die Rede von der bloßen Erhaltung jener Verhältnisse auf der Stufe, wo sie schon stehen, gegen Herabsinken, und noch weniger, vom Nachhelfen einzelner Glieder, die hinter der allgemeinen Ausbildung zurückgeblieben. Sodann, wenn von geistiger Bildung die Rede ist, so ist darunter zu allererst die Philosophie, — wie wir dies mit dem ausländischen Namen bezeichnen müssen, da die Deutschen sich den vorlängst vorgeschlagenen Deutschen Namen nicht haben gefallen lassen, — die Philosophie, sage ich, ist zu allererst darunter zu verstehen; denn diese ist es, welche das ewige Urbild alles geistigen Lebens wissenschaftlich erfasset. Von dieser und von aller auf sie gegründeten Wissenschaft wird nun gerühmt, daß beim Volke der lebendigen Sprache sie einfließe in das Leben. Nun aber ist, in scheinbarem Widerspruche mit dieser Behauptung oftmals und auch von den unsern, gesagt worden, daß Philosophie, Wissenschaft, schöne Kunst, und dergleichen, Selbstzwecke seyen, und dem Leben nicht dienten, und daß es Herabwürdigung derselben sey, sie nach ihrer Nüzlichkeit in diesem Dienste zu schätzen. Es ist hier der Ort diese Ausdrücke näher zu bestimmen, und vor aller Mißdeutung zu verwahren. Sie sind wahr in folgendem doppelten aber beschränkten Sinne; zuförderst, daß Wissenschaft oder Kunst dem Leben auf einer gewissen niedern Stufe, z. B. dem irrdischen und sinnlichen Leben, oder der gemeinen Erbaulichkeit, wie einige gedacht haben, nicht müsse dienen wollen; sodann, daß ein Einzelner, zufolge seiner persönlichen Abgeschiedenheit vom Ganzen einer Geisterwelt, in diesen besondern Zweigen des allgemeinen göttlichen Lebens, völlig aufgehen könne, ohne eines außer ihnen liegenden Antriebes zu bedürfen, und volle Befriedigung in ihnen finden könne. Keinesweges aber sind sie wahr in strenger Bedeutung, denn es ist eben so unmöglich, daß es mehrere Selbstzwecke gebe, als es unmöglich ist, daß es mehrere Absolute gebe. Der einige Selbstzweck, außer welchem es keinen andern geben kann, ist das geistige Leben. Dieses äußert sich nun zum Theil und erscheint als ein ewiger Fortfluß aus ihm selber, als Quell, d. i. als ewige Thätigkeit. Diese Thätigkeit erhält ewig fort ihr Musterbild von der Wissenschaft, die Geschicklichkeit, nach diesem Bilde sich zu gestalten, von der Kunst, und in soweit könnte es scheinen, daß Wissenschaft und Kunst da seyen, als Mittel für das thätige Leben, als Zweck. Nun aber ist in dieser Form der Thätigkeit das Leben selber niemals vollendet, und zur Einheit geschlossen, sondern es geht fort ins Unendliche. Soll nun doch das Leben als eine solche geschloßne Einheit da seyn, so muß es also da seyn in einer andern Form. Diese Form ist nun die des reinen Gedankens, der die in der dritten Rede beschriebene Religions-Einsicht giebt; eine Form, die als geschloßne Einheit mit der Unendlichkeit des Thuns schlechthin auseinander fällt, und in dem leztern, dem Thun, niemals vollständig ausgedrückt werden kann. Beide demnach, der Gedanke, so wie die Thätigkeit, sind nur in der Erscheinung auseinanderfaltende Formen, jenseit der Erscheinung aber sind sie, eine wie die andere, dasselbe Eine absolute Leben; und man kann gar nicht sagen, daß der Gedanke um des Thuns, oder das Thun um des Gedankens willen sey, und also sey, sondern daß beides schlechthin seyn solle, indem auch in der Erscheinung das Leben ein vollendetes Ganzes seyn solle, also, wie es dies ist jenseit aller Erscheinung. In nerhalb dieses Umkreises demnach und zufolge dieser Betrachtung, ist es noch viel zu wenig gesagt, daß die Wissenschaft einfließe aufs Leben; sie ist vielmehr selber, und in sich selbstbeständiges Leben. — Oder, um dasselbe an eine bekannte Wendung anzuknüpfen. Was hilft alles Wissen, hört man zuweilen sagen, wenn nicht darnach gehandelt wird? In diesem Ausspruche wird das Wissen als Mittel für das Handeln, und dieses leztere als der eigentliche Zweck angesehen. Man könnte umgekehrt sagen; wie kann man doch gut handeln, ohne das Gute zu kennen? und es würde in diesem Ausspruche das Wissen, als das bedingende des Handelns betrachtet. Beide Aussprüche aber sind einseitig; und das wahre ist, daß beides, Wissen so wie Handeln, auf dieselbe Weise unabtrennliche Bestandtheile des vernünftigen Lebens sind.
In sich selbst beständiges Leben aber, wie wir so eben uns ausdrückten, ist die Wissenschaft nur alsdann, wenn der Gedanke der wirkliche Sinn, und die Gesinnung des Denkenden ist, also daß er, ohne besondere Mühe, und sogar ohne dessen sich klar bewußt zu seyn, alles an dre was er denkt, ansieht, beurtheilt, zufolge jenes Grundgedankens ansieht, und beurtheilt, und falls derselbe aufs handeln einfließt, nach ihm eben so nothwendig handelt. Keinesweges aber ist der Gedanke Leben und Gesinnung, wenn er nur als Gedanke eines fremden Lebens gedacht wird; so klar und vollständig er auch als ein solcher bloß möglicher Gedanke begriffen seyn mag; und so hell man sich auch denken möge, wie etwa jemand also denken könne. In diesem leztern Falle liegt zwischen unserm gedachten Denken, und zwischen unserm wirklichen Denken ein großes Feld von Zufall, und Freiheit, welche lezte wir nicht vollziehen mögen; und so bleibt jenes gedachte Denken von uns abstehend, und ein bloß mögliches, und ein von uns frei gemachtes, und immerfort frei zu wiederholendes Denken: In jenem ersten Falle hat der Gedanke unmittelbar durch sich selbst unser Selbst ergriffen, und es zu sich selbst gemacht, und durch diese also entstandene Wirklichkeit des Gedankens für uns geht unsre Einsicht hindurch zu dessen Nothwendigkeit. Daß nun das leztere also erfolge, kann, wie eben gesagt, keine Freiheit erzwingen, sondern es muß eben sich selbst machen, und der Gedanke selber muß uns ergreifen, und uns nach sich bilden.
Diese lebendige Wirksamkeit des Gedankens wird nun sehr befördert, ja, wenn das Denken nur von der gehörigen Tiefe und Stärke ist, sogar nothwendig gemacht, durch Denken, und Bezeichnen in einer lebendigen Sprache. Das Zeichen in der lezten ist selbst unmittelbar lebendig, und sinnlich, und wieder darstellend das ganze eigene Leben, und so dasselbe ergreifend, und eingreifend in dasselbe; mit dem Besitzer einer solchen Sprache spricht unmittelbar der Geist, und offenbart sich ihm, wie ein Mann dem Manne. Dagegen regt das Zeichen einer todten Sprache unmittelbar nichts an; um in den lebendigen Fluß desselben hineinzukommen, muß man erst historisch erlernte Kenntnisse aus einer abgestorbenen Welt sich wiederholen, und sich in eine fremde Denkart hineinversetzen. Wie überschwenglich wohl müßte der Trieb des eignen Denkens seyn, wenn er in diesem langen und breiten Gebiete der Historie nicht ermattete, und nicht zulezt auf dem Felde dieser bescheiden sich begnügte. So eines Besitzers der lebendigen Sprache Denken nicht lebendig wird, so kann man einen solchen ohne Bedenken beschuldigen, daß er gar nicht gedacht, sondern nur geschwärmt habe. Den Besitzer einer todten Sprache kann man in demselben Falle dessen nicht sofort beschuldigen; gedacht mag er allerdings haben nach seiner Weise, die in seiner Sprache niedergelegten Begriffe sorgfältig entwikelt; er hat nur das nicht gethan, was, falls es ihm gelänge, einem Wunder gleich zu achten wäre.
Es erhellet im Vorbeigehen, daß beim Volke einer todten Sprache im Anfange, wie die Sprache noch nicht allseitig klar genug ist, der Trieb des Denkens noch am kräftigsten walten, und die scheinbarsten Erzeugnisse hervorbringen werde; daß aber dieser, so wie die Sprache klarer und bestimmter wird, in den Fesseln derselben immermehr ersterben; und daß zulezt die Philosophie eines solchen Volks mit eignem Bewußtseyn sich bescheiden wird, daß sie nur eine Erklärung des Wörterbuchs, oder wie undeutscher Geist unter uns dies hochtönender ausgedrückt hat, eine Metakritik der Sprache sey; zu allerlezt, daß ein solches Volk etwa ein mittelmäßiges Lehrgedicht über die Heuchelei in Komödien-Form für ihr größtes philosophisches Werk anerkennen wird.
In dieser Weise, sage ich, fließt die geistige Bildung, und hier insbesondre das Denken in einer Ursprache nicht ein in das Leben, sondern es ist selbst Leben des also Denkenden. Doch strebt es nothwendig aus diesem also denkenden Leben einzufließen auf anderes Leben außer ihm, und so auf das vorhandene allgemeine Leben, und dieses nach sich zu gestalten. Denn eben weil jenes Denken Leben ist, wird es gefühlt von seinem Besitzer mit innigem Wohlgefallen, in seiner belebenden, verklärenden, und befreienden Kraft. Aber jeder, dem Heil aufgegangen ist in seinem Innern, will nothwendig, daß allen andern dasselbe Heil wiederfahre, und er ist so getrieben, und muß arbeiten, daß die Quelle, aus der ihm sein Wohlseyn aufging, auch über andre sich verbreite. Anders derjenige, der bloß ein fremdes Denken, als ein mögliches begriffen hat. So wie ihm selber dessen Inhalt weder Wohl noch Wehe giebt, sondern es nur seine Muße angenehm beschäf tigt, und unterhält, so kann er auch nicht glauben, daß es einem andern Wohl oder Wehe machen könne, und hält es zulezt für einerlei, woran jemand seinen Scharfsinn übe, und womit er seine müßigen Stunden ausfülle.
Unter den Mitteln, das Denken, das im einzelnen Leben begonnen, in das allgemeine Leben einzuführen, ist das vorzüglichste die Dichtung, und so ist denn diese der zweite Hauptzweig der geistigen Bildung eines Volkes. Schon unmittelbar der Denker, wie er seinen Gedanken in der Sprache bezeichnet, welches nach obigem nicht anders denn sinnbildlich geschehen kann, und zwar über den bisherigen Umkreis der Sinnbildlichkeit hinaus neu erschaffend, ist Dichter; und falls er dies nicht ist, wird ihm schon beim ersten Gedanken die Sprache, und beim Versuche des zweiten das Denken selber ausgehen. Diese durch den Denker begonnene Erweiterung und Ergänzung des sinnbildlichen Kreises der Sprache durch dieses ganze Gebiet der Sinnbilder zu verflößen, also daß jedwedes an seiner Stelle den ihm gebührenden Antheil von der neuen geistigen Veredlung erhalte, und so das ganze Le ben bis auf seinen letzten sinnlichen Boden herab in den neuen Lichtstral getaucht erscheine, wohlgefalle, und in bewußtloser Täuschung wie von selbst sich veredle, dieses ist das Geschäft der eigentlichen Dichtung. Nur eine lebendige Sprache kann eine solche Dichtung haben, denn nur in ihr ist der sinnbildliche Kreis durch erschaffendes Denken zu erweitern, und nur in ihr bleibt das schon Geschaffne lebendig, und dem Einströmen verschwisterten Lebens offen. Eine solche Sprache führt in sich Vermögen unendlicher, ewig zu erfrischender, und zu verjüngender Dichtung, denn jede Regung des lebendigen Denkens in ihr eröfnet eine neue Ader dichterischer Begeisterung; und so ist ihr denn diese Dichtung das vorzüglichste Verflößungsmittel der erlangten geistigen Ausbildung in das allgemeine Leben. Eine todte Sprache kann in diesem höhern Sinne gar keine Dichtung haben, indem alle die angezeigten Bedingungen der Dichtung in ihr nicht vorhanden sind. Dagegen kann eine solche auf eine Zeitlang einen Stellvertreter der Dichtung haben auf folgende Weise. Die in der Stammsprache vorhandenen Ausflüsse der Dichtkunst werden die Aufmerksamkeit reizen. Zwar kann das neu entstandene Volk nicht fortdichten auf der angehobnen Bahn, denn diese ist ihrem Leben fremd; aber sie kann ihr eignes Leben, und die neuen Verhältnisse desselben in den sinnbildlichen und dichterischen Kreis, in welchem ihre Vorwelt ihr eignes Leben aussprach, einführen, und z. B. ihren Ritter ankleiden, als Heros und umgekehrt, und die alten Götter mit den neuen das Gewand tauschen lassen. Gerade durch diese fremde Einhüllung des gewöhnlichen wird dasselbe einen dem idealisirten ähnlichen Reiz erhalten, und es werden ganz wohlgefällige Gestalten hervorgehen. Aber beides, sowohl der sinnbildliche und dichterische Kreis der Stammsprache, als die neuen LebensVerhältnisse, sind endliche und beschränkte Größen, ihre gegenseitige Durchdringung ist irgendwo vollendet; da aber wo sie vollendet ist, feyert das Volk sein goldnes Zeitalter, und der Quell seiner Dichtung ist versiegt. Irgendwo giebt es nothwendig einen höchsten Punkt des Anpassens der geschloßnen Wörter an die geschloßnen Begriffe, und der geschloßnen Sinnbilder an die geschloßnen Lebens-Verhältnisse. Nachdem dieser Punkt erreicht ist, kann das Volk nicht mehr, denn entweder seine gelungensten Meisterstücke verändert wiederholen, also, daß sie aussähen, als ob sie etwas neues seyen, da sie doch nur das wohlbekannte alte sind; oder, wenn sie durchaus neu seyn wollen, zum unpassenden und unschicklichen ihre Zuflucht nehmen, und eben so in der Dichtkunst das Häßliche mit dem Schönen zusammenmischen, und sich auf die Karrikatur, und das Humoristische legen, wie sie in der Prosa genöthigt sind, die Begriffe zu verwirren, und Laster und Tugend mit einander zu vermengen, wenn sie in neuen Weisen reden wollen.
Indem auf diese Weise in einem Volke geistige Bildung und Leben jedes für sich seinen besondern Gang fortgehen, so erfolgt von selbst, daß die Stände, die zu der ersten keinen Zugang haben; und an die auch nicht einmal, wie in einem lebendigen Volke, die Folgen dieser Bildung kommen sollen, gegen die gebildeten Stände zurückgesetzt, und gleichsam für eine andere Menschenart gehalten werden, die an Geisteskräften ursprünglich, und durch die bloße Geburt den ersten nicht gleich seyen; daß darum die gebildeten Stände gar keine wahrhaft liebende Theilnahme an ihnen, und keinen Trieb haben, ihnen gründlich zu helfen, indem sie eben glauben, daß ihnen, wegen ursprünglicher Ungleichheit, gar nicht zu helfen sey, und daß die Gebildeten vielmehr gereizt werden, dieselben zu brauchen, wie sie sind, und sie also brauchen zu lassen. Auch diese Folge der Ertödtung der Sprache kann beim Beginnen des neuen Volkes durch eine menschenfreundliche Religion, und durch den Mangel an eigner Gewandheit der höhern Stände gemildert werden, im Fortgange aber wird diese Verachtung des Volkes immer unverholner und grausamer. Mit diesem allgemeinen Grunde des Sicherhebens und Vornehmthuns der gebildeten Stände hat noch ein besonderer sich vereinigt, welcher, da er auch selbst auf die Deutschen einen sehr verbreiteten Einfluß gehabt, hier nicht übergangen werden darf. Nemlich die Römer, welche anfangs den Griechen gegenüber, sehr unbefangen jenen nachsprechend, sich selbst Barbaren, und ihre eigne Sprache barbarisch nannten, gaben nachher die auf sich geladene Benennung weiter, und fanden bei den Germaniern dieselbe gläubige Treuherzigkeit, die erst sie selbst den Griechen gezeigt hatten. Die Germanier glaubten der Barbarei nicht anders los werden zu können, als wenn sie Römer würden. Die auf ehemaligem römischen Boden Eingewanderten wurden es nach allem ihren Vermögen. In ihrer Einbildungskraft bekam aber barbarisch gar bald die Nebenbedeutung gemein, pöbelhaft, tölpisch, und so ward das Römische im Gegentheil gleichgeltend mit vornehm. Bis in das allgemeine und besondere ihrer Sprachen geht dieses hinein, indem, wo Anstalten zur besonnenen und bewußten Bildung der Sprache getroffen wurden, diese darauf gingen, die germanischen Wurzeln auszuwerfen, und aus römischen Wurzeln die Wörter zu bilden, und so die Romance, als die Hof- und gebildete Sprache zu erzeugen; im besondern aber, indem fast ohne Ausnahme bei gleicher Bedeutung zweier Worte das aus germanischer Wurzel das unedle und schlechte, das aus römischer Wurzel aber das edlere und vornehmere bedeutet.
Dieses, gleich als ob es eine Grundseuche des ganzen germanischen Stammes wäre, fällt auch im Mutterlande den Deutschen an, falls er nicht durch hohen Ernst dagegen gerüstet ist. Auch unsern Ohren tönt gar leicht Römischer Laut vornehm, auch unsern Augen erscheint Römische Sitte edler, dagegen das Deutsche gemein; und da wir nicht so glücklich waren, dieses alles aus der ersten Hand zu erhalten, so lassen wir es uns auch aus der zweiten, und durch den Zwischenhandel der neuen Römer, recht wohl gefallen. So lange wir deutsch sind, erscheinen wir uns als Männer, wie andre auch; wenn wir halb oder auch über die Hälfte undeutsch reden, und abstechende Sitten, und Kleidung an uns tragen, die gar weit herzukommen scheinen, so dünken wir uns vornehm; der Gipfel aber unsers Triumphs ist es, wenn man uns gar nicht mehr für Deutsche, sondern etwa für Spanier oder Engländer hält, je nachdem nun einer von diesen gerade am meisten Mode ist. Wir haben recht. Naturgemäßheit von Deutscher Seite, Willkührlichkeit und Künstelei von der Seite des Auslandes sind die Grund-Unterschiede; bleiben wir bei der ersten, so sind wir eben, wie unser ganzes Volk, dieses begreift uns, und nimmt uns als seines Gleichen; nur wie wir zur lezten unsre Zuflucht nehmen, werden wir ihm unverständlich, und es hält uns für andere Naturen. Dem Auslande kommt diese Unnatur von selbst in sein Leben, weil es ursprünglich und in einer Hauptsache von der Natur abgewichen; wir müssen sie erst aufsuchen, und an den Glauben, daß etwas schön, schiklich, und bequem sey, das natürlicherweise uns nicht also erscheint, uns erst gewöhnen. Von diesem allen ist nun beim Deutschen der Hauptgrund sein Glaube an die größere Vornehmigkeit des romanisirten Auslandes, nebst der Sucht, eben so vornehm zu thun, und auch in Deutschland die Kluft zwischen den höhern Ständen, und dem Volke, die im Auslande natürlich erwuchs, künstlich aufzubauen. Es sey genug, hier den Grundquell dieser Ausländerei unter den Deutschen angegeben zu haben; wie ausgebreitet diese gewirkt, und daß alle die Uebel, an denen wir jezt zu Grunde gegangen, ausländischen Ursprungs sind, welche freilich nur in der Vereinigung mit Deutschem Ernste, und Einfluß aufs Leben, das Verderben nach sich ziehen mußten, werden wir zu einer andern Zeit zeigen.
Außer diesen beiden aus dem Grund-Unterschiede erfolgenden Erscheinungen, daß geistige Bildung ins Leben eingreife, oder nicht, und daß zwischen den gebildeten Ständen und dem Volke eine Scheidewand bestehe, oder nicht, führte ich noch die folgende an, daß das Volk der lebendigen Sprache Fleiß und Ernst haben, und Mühe anwenden werde, in allen Dingen, dagegen das der todten Sprache die geistige Beschäftigung mehr für ein genialisches Spiel halte, und im Geleite seiner glücklichen Natur sich gehen lasse. Dieser Umstand ergiebt aus dem oben Gesagten sich von selbst. Beim Volke der lebendigen Sprache geht die Untersuchung aus von einem Bedürfnisse des Lebens, welches durch sie befriedigt werden soll, und erhält so alle die nöthigenden Antriebe, die das Leben selbst bei sich führt. Bei dem der todten will sie weiter nichts, denn die Zeit auf eine angenehme, und dem Sinne fürs Schöne angemessene Weise hinbringen, und sie hat ihren Zweck vollständig erreicht, wenn sie dies gethan hat. Bei den Ausländern ist das lezte fast nothwendig; beim Deutschen, wo diese Erscheinung sich einstellt, ist das Pochen auf Genie, und glückliche Natur, eine seiner unwürdige Ausländerei, die, so wie alle Ausländerei, aus der Sucht vornehm zu thun, entsteht. Zwar wird in keinem Volke der Welt ohne einen ursprünglichen Antrieb im Menschen, der, als ein übersinnliches, mit dem ausländischen Namen mit Recht Genius genannt wird, irgend etwas trefliches entstehen. Aber dieser Antrieb für sich allein regt nur die Einbildungskraft an, und entwirft in ihr über dem Boden schwebende, niemals vollkommen bestimmte Gestalten. Daß diese bis auf den Boden des wirklichen Lebens herab vollendet, und bis zur Haltbarkeit in diesem bestimmt werden, dazu bedarf es des fleißigen, besonnenen, und nach einer festen Regel einhergehenden Denkens. Genialität liefert dem Fleiße den Stoff zur Bearbeitung, und der lezte würde ohne die erste entweder nur das schon bearbeitete, oder nichts, zu bearbeiten haben. Der Fleiß aber führet diesen Stoff, der ohne ihn ein leeres Spiel bleiben würde, ins Leben ein; und so vermögen beide nur in ihrer Ver einigung etwas, getrennt aber sind sie nichtig. Nun kann überdies im Volke einer todten Sprache gar keine wahrhaft erschaffende Genialität zum Ausbruche kommen, weil es ihnen am ursprünglichen Bezeichnungsvermögen fehlt, sondern sie können nur schon angehobnes fortbilden, und in die ganze schon vorhandene und vollendete Bezeichnung verflößen.
Was insbesondere die größere Mühe anbelangt, so ist natürlich, daß diese auf das Volk der lebendigen Sprache falle. Eine lebendige Sprache kann in Vergleichung mit einer andern auf einer hohen Stufe der Bildung stehen, aber sie kann niemals in sich selber diejenige Vollendung und Ausbildung erhalten, die eine todte Sprache gar leichtlich erhält. In der lezten ist der Umfang der Wörter geschlossen, die möglichen schicklichen Zusammenstellungen derselben werden allmählich auch erschöpft, und so muß der, der diese Sprache reden will, sie eben reden, so wie sie ist; nachdem er dieses aber einmal gelernt hat, redet die Sprache in seinem Munde sich selbst, und denkt, und dichtet für ihn. In einer lebendigen Sprache aber, wenn nur in ihr wirklich gelebt wird, vermehren und verändern die Worte, und ihre Bedeutungen sich immerfort, und eben dadurch werden neue Zusammenstellungen möglich, und die Sprache, die niemals ist, sondern ewig fort wird, redet sich nicht selbst, sondern wer sie gebrauchen will, muß eben selber nach seiner Weise, und schöpferisch für sein Bedürfniß, sie reden. Ohne Zweifel erfordert das lezte weit mehr Fleiß und Uebungen, denn das erste. Eben so gehen, wie schon oben gesagt, die Untersuchungen des Volks einer lebendigen Sprache bis auf die Wurzel der Ausströmung der Begriffe aus der geistigen Natur selbst; dagegen die einer todten Sprache nur einen fremden Begriff zu durchdringen, und sich begreiflich zu machen suchen, und so in der That nur geschichtlich, und auslegend, jene ersten aber wahrhaft philosophisch sind. Es begreift sich, daß eine Untersuchung von der lezten Art eher, und leichter abgeschlossen werden möge, denn eine von der ersten.
Nach allem wird der ausländische Genius die betretenen Heerbahnen des Alterthums mit Blumen bestreuen, und der Lebensweisheit, die leicht ihm für Philosophie gelten wird, ein zierliches Gewand weben; dagegen wird der deutsche Geist neue Schachten eröfnen, und Licht und Tag einführen in ihre Abgründe, und Felsmassen von Gedanken schleudern, aus denen die künftigen Zeitalter sich Wohnungen erbauen. Der ausländische Genius wird seyn ein lieblicher Sylphe, der mit leichtem Fluge über den seinem Boden von selbst entkeimten Blumen hinschwebt, und sich niederläßt auf dieselben, ohne sie zu beugen, und ihren erquikenden Thau in sich zieht; oder eine Biene, die aus denselben Blumen mit geschäftiger Kunst den Honig sammlet, und ihn in regelmäßig gebauten Zellen zierlich geordnet niederlegt; der deutsche Geist ein Adler, der mit Gewalt seinen gewichtigen Leib emporreißt, und mit starkem, und vielgeübten Flügel viel Luft unter sich bringt, um sich näher zu heben der Sonne, deren Anschauung ihn entzükt.
Um alles bisher Gesagte in Einen Hauptgesichtspunkt zusammenzufassen. In Beziehung auf die Bildungsgeschichte überhaupt eines Menschengeschlechts, das historisch in ein Alterthum und in eine neue Welt zerfallen ist, werden zur ursprünglichen Fortbildung dieser neuen Welt im großen und ganzen die beiden beschriebenen Hauptstämme sich also verhalten. Der ausländisch gewordene Theil der frischen Nation hat durch seine Annahme der Sprache des Alterthums eine weit größere Verwandschaft zu diesem erhalten. Es wird diesem Theile anfangs weit leichter werden, die Sprache desselben auch in ihrer ersten und unveränderten Gestalt zu erfassen, in die Denkmale ihrer Bildung einzudringen, und in dieselben ohngefähr so viel frisches Leben zu bringen, daß sie sich an das entstandene neue Leben anfügen können. Kurz es wird von ihnen das Studium des klassischen Alterthums über das neuere Europa ausgegangen seyn. Von den ungelößt gebliebenen Aufgaben desselben begeisiert, wird es dieselben fortbearbeiten, aber freilich nur also, wie man eine, keinesweges durch ein Bedürfniß des Lebens, sondern durch bloße Wißbegier gegebene Aufgabe bearbeitet, leicht sie nehmend, nicht mit ganzem Gemüthe sondern nur mit der Einbildungskraft sie erfassend, und lediglich in dieser zu einem luftigen Leibe sie gestaltend. Bei dem Reichthume des Stoffs, den das Alterthum hinterlassen, bei der Leichtigkeit, mit der in dieser Weise sich arbeiten läßt, werden sie eine Fülle solcher Bilder in den Gesichtskreis der neuen Welt einführen. Diese schon in die neue Form gestalteten Bilder der alten Welt, angekommen bei demjenigen Theile des Urstamms, der durch beibehaltne Sprache im Flusse ursprünglicher Bildung blieb, werden auch dessen Aufmerksamkeit, und Selbstthätigkeit reizen, sie, welche vielleicht, wenn sie in der alten Form geblieben wären, unbeachtet, und unvernommen vor ihm vorübergegangen wären. Aber er wird, so gewiß er sie nur wirklich erfaßt, und nicht etwa nur sie weiter giebt von Hand in Hand, dieselben erfassen gemäß seiner Natur, nicht im bloßen Wissen eines fremden, sondern als Bestandtheil eines Lebens; und so sie aus dem Leben der neuen Welt nicht nur ableiten, sondern sie auch in dasselbe wiederum einführen, verkörpernd die vorher bloß luftigen Gestalten zu gediegenen, und im wirklichen LebensElemente haltbaren Leibern.
In dieser Verwandlung, die das Ausland selbst ihm zu geben niemals vermocht hätte, erhält nun dieses es von ihnen zurück, und vermittelst dieses Durchganges allein wird eine Fortbildung des Menschengeschlechts auf der Bahn des Alterthums, eine Vereinigung der beiden Haupthälften, und ein regelmäßiger Fortfluß der menschlichen Entwiklung möglich. In dieser neuen Ordnung der Dinge wird das Mutterland nicht eigentlich erfinden, sondern im kleinsten, wie im größten, wird es immer bekennen müssen, daß es durch irgend einen Wink des Auslandes angeregt worden, welches Ausland selbst wieder angeregt wurde durch die Alten; aber das Mutterland wird ernsthaft nehmen, und ins Leben einführen, was dort nur obenhin, und flüchtig entworfen wurde. An treffenden und tiefgreifenden Beispielen dieses Verhältniß darzulegen, ist, wie schon oben gesagt, hier nicht der Ort, und wir behalten es uns vor auf die künftige Rede.
Beide Theile der gemeinsamen Nation blieben auf diese Weise Eins, und nur in dieser Trennung und Einheit zugleich sind sie ein Pfropf-Reis auf dem Stamme der alterthümlichen Bildung, welche leztere außer dem durch die neue Zeit abgebrochen seyn, und die Menschheit ihren Weg von vorn wieder angefangen haben würde. In diesen ihren, beim Ausgangspunkte verschiedenen, am Ziele zusammenlaufenden Bestimmungen müssen nun beide Theile, jeder sich selbst, und den andern, erkennen, und denselben gemäß einander benutzen; besonders aber jeder den anderen zu erhalten, und in seiner Eigenthümlichkeit unverfälscht zu lassen, sich bequemen: wenn es mit allseitiger, und vollständiger Bildung des Ganzen einen guten Fortgang haben soll. Was diese Erkenntniß anbelangt, so dürfte dieselbe wohl vom Mutterlande, als welchem zunächst der Sinn für die Tiefe verliehen ist, ausgehen müssen. Wenn aber in seiner Blindheit für solche Verhältnisse, und fortgerissen von oberflächlichem Scheine, das Ausland jemals darauf ausgehen sollte, sein Mutterland der Selbstständigkeit zu berauben, und es dadurch zu vernichten und aufzunehmen in sich, so würde dasselbe, wenn ihm dieser Vorsatz gelänge, dadurch für sich selbst die lezte Ader zerschneiden, durch die es bisher noch zusammenhing mit der Natur und dem Leben, und es würde gänzlich anheim fallen, dem geistigen Tode, der ohne dies im Fortgange der Zeiten immer sichtbarer als sein Wesen sich offenbart hat; sodann wäre der bisher noch stetig fortgegangene Fluß der Bildung unsers Geschlechts in der That beschlossen, und die Barbarei müßte wieder beginnen, und ohne Rettung fortschreiten, so lange, bis wir insgesammt wieder in Höhlen lebten, wie die wilden Thiere, und gleich ihnen uns untereinander aufzehrten. Daß dies wirklich also sey, und nothwendig also erfolgen müsse, kann freilich nur der Deutsche einsehen, und er allein soll es auch: Dem Ausländer, der, da er keine fremde Bildung kennt, unbegränztes Feld hat sich in der seinigen zu bewundern, muß es, und mag es immer erscheinen als eine abgeschmakte Lästerung der schlecht unterrichteten Unwissenheit.
Das Ausland ist die Erde, aus welcher fruchtbare Dünste sich absondern, und sich emporheben zu den Wolken, und durch welche auch noch die in den Tartarus verwiesenen alten Götter zusammenhängen mit dem Umkreise des Lebens. Das Mutterland ist der jene umge bende ewige Himmel, an welchem die leichten Dünste sich verdichten zu Wolken, die, durch des Donnerers aus andrer Welt stammenden Blitzstrahl geschwängert, herabfallen als befruchtender Regen, der Himmel und Erde vereinigt, und die im ersten einheimischen Gaben auch dem Schooße der letztern entkeimen läßt. Wollen neue Titanen abermals den Himmel erstürmen? Er wird für sie nicht Himmel seyn, denn sie sind Erdgeborne; es wird ihnen bloß der Anblick und die Einwirkung des Himmels entrückt werden, und nur ihre Erde als eine kalte finstere und unfruchtbare Behausung ihnen zurückbleiben. Aber was vermochte, sagt ein römischer Dichter, was vermöchte ein Typhöus, oder der gewaltige Mimas, oder Porphyrion in drohender Stellung, oder Rhötus, oder der kühne Schleuderer ausgerissener Baumstämme, Enceladus, wenn sie sich stürzen gegen Pallas tönenden Schild. Dieser selbige Schild ist es, der ohne Zweifel auch uns decken wird, wenn wir es verstehen, uns unter seinen Schutz zu begeben.