Dritter Abschnitt. Hypothetische Eintheilung der Wissenschaftslehre.

§. 8.

Der absolut-erste Grundsatz, da es nicht bloss einen Theil des menschlichen Wissens, sondern das gesammte Wissen begründen soll, muss der ganzen Wissenschaftslehre gemein seyn. Eintheilung ist nur durch Gegensetzung möglich, deren Glieder aber doch einem dritten gleich seyn müssen.

Setzet, das Ich sei der höchste Begriff, und dem Ich werde ein Nicht-Ich entgegen gesetzt, so ist klar, dass der letztere nicht entgegengesetzt werden könne, ohne gesetzt, und zwar in dem höchsten Begriffenen, dem Ich gesetzt zu seyn. Also wäre das Ich in zweyer lei Rüksicht zu betrachten; als dasjenige, in welchem das Nicht-Ich gesetzt wird; und als dasjenige, welches dem Nicht-Ich entgegengesetzt, und mithin selbst im absoluten Ich gesetzt wäre. Das letztere Ich sollte dem Nicht-Ich, in so fern beide im absoluten Ich gesetzt sind, darin gleich seyn, und es sollte ihm zugleich in eben der Rücksicht entgegengesetzt seyn. Diess würde sich nur unter der Bedingung eines dritten im Ich denken lassen, in welchem beide gleich wären, und dieses dritte wäre der Begriff der Quantität. Beide hätten eine durch ihr entgegengesetztes bestimmbare Quantität *). Entweder das Ich wird durch das Nicht-Ich (seiner Quantität nach) bestimmt. Es ist in so fern abhängig; es heisst Intelligenz, und der Theil der Wissenschaftslehre, welcher von ihr handelt, ist ihr theoretischer Theil. Er wird gegründet auf den von den Grundsätzen abzuleitenden, und durch sie zu erweisenden Begriff der Vorstellung überhaupt.

Aber das Ich sollte absolut, und schlechthin durch sich selbst bestimmt seyn: wird es durch das Nicht-Ich bestimmt, so bestimmt es sich nicht selbst, und dem höchsten und absolut-ersten Grundsatze wird widersprochen. Um diesem Widerspruche auszuweichen, müssen wir annehmen, dass das Nicht-Ich, welches die Intelligenz bestimmen soll, selbst durch das Ich das in diesem Geschäfte nicht vorstellend seyn, sondern eine absolute Kausalität haben würde, bestimmt werden. — Da aber eine solche Kausalität das entgegengesetzte Nicht-Ich, und mit ihm die von demselben abhängige Vorstellung gänzlich aufheben würde, mithin die Annahme derselben dem zweiten und dritten Grundsatze widerspricht, so muss sie vorgestellt werden, als der Vorstellung widersprechend, als unvorstellbar, als eine Kausalität die nicht Kausalität ist. Aber der Begriff einer Kausalität, die nicht Kausalität ist, ist der Begriff eines Strebens. Die Kausalität ist nur unter der Bedingung einer geendeten Annäherung zum Unendlichen denkbar, welche selbst nicht denkbar ist — Dieser als nothwendig zu erweisende Begriff des Strebens wird dem zweiten Theile der Wissenschaftslehre zum Grunde gelegt, welcher der Praktische heisst.

Dieser zweite Theil ist an sich bei weitem der Wichtigste; der erste ist freilich nicht minder wichtig, aber nur als Grundlage des zweiten, und weil dieser ohne ihn schlechthin unverständlich ist. Im zweiten bekommt der theoretische Theil erst seine sichere Begrenzung, und seine feste Grundlage, in dem aus dem aufgestellten nothwendigen Streben, die Fragen beantwortet werden: Warum müssen wir unter der Bedingung einer vorhandenen Affektion überhaupt vorstellen; mit welchem Rechte beziehen wir die Vorstellung auf etwas ausser uns, als auf ihre Ursache; mit welchem Rechte nehmen wir überhaupt ein durchgängig durch Gesetze bestimmtes Vorstellungsvermögen an: (welche Gesetze nicht als im Vorstellungsvermögen einheimisch, sondern als Gesetze des strebenden Ich, deren Anwen dung durch die Einwirkung des gegenstrebenden NichtIch auf das Gefühl bedingt wird, vorgestellt werden.) In ihm wird eine neue durchgängig bestimmte Theorie des Angenehmen, des Schönen, und Erhabenen, der Gesetzmässigkeit der Natur in ihrer Freiheit, der Gotteslehre, des sogenannten gemeinen Menschenverstandes, oder des natürlichen Wahrheitssinnes, und endlich ein Naturrecht, und eine Sittenlehre begründet, deren Grundsätze nicht bloss formal, sondern material sind. Alles durch Aufstellung dreier Absoluten. Eines absoluten Ich, und der selbstgegebnen, unter Bedingung einer Einwirkung des Nicht-Ich vorstellbaren Gesetze; eines absoluten von allen unsern Gesetzen unabhängigen und freien, unter der Bedingung, dass es dieselben positiv oder negativ, aber immer in einem endlichen Grade ausdrücke, vorstellbaren Nicht-Ich; und einer absoluten, unter der Bedingung, dass es eine Einwirkung des Nicht-Ich von einer Wirkung des Ich, oder einem Gesetze unterscheide, vorstellbaren Vermögens in uns, uns nach Maassgabe der Einwirkung beider, schlechthin zu bestimmen. Ueber diese drei Absoluten hinaus geht keine Philosophie.

Es ist den akademischen Bürgern, deren Mitbürger in kurzem zu seyn, ich mir zur Ehre schätze, aus den Lektionsankündigungen bekannt, welche Vorlesungen ich über die Wissenschaft, deren Begriff ich hier zu entwickeln suchte, zu halten gedenke; und ich habe Ihnen darüber nichts weiter zu sagen, als dass ich hoffe, Ihnen den Leitfaden für beide Theile derselben als Handschrift für meine Zuhörer *) gedruckt in die Hände liefern zu können. Die gewählten Stunden werde ich nach meiner Ankunft an dem gewöhnlichen Orte anzeigen.

Ueber Einen Punkt nur bin ich Ihnen noch eine Erklärung schuldig. — Die Wissenschaften sind, wie Ihnen allen ohne Zweifel bekannt ist, nicht zu einer müssigen Geistesbeschäftigung, und für die Bedürfnisse eines verfeinertern Luxus erfunden. Dann gehörte der Gelehrte gerade in die Klasse, in welche die lebenden Werkzeuge des Luxus, der weiter nichts als Luxus ist, alle gehören, und selbst in dieser dürfte ihm der oberste Platz streitig gemacht werden. Alles unser Forschen muss auf den höchsten Zweck der Menschheit, auf die Veredlung des Geschlechts, dessen Mitglieder wir sind, ausgehen, und von den Zöglingen der Wissenschaft aus muss, als vom Mittelpunkte, Humanitat im höchsten Sinne des Worts sich rund um sie herum verbreiten. Jeder Zuwachs, den die Wissenschaft erhält, vermehrt die Pflichten ihrer Diener. Es wird also immer nothwendiger, folgende Fragen recht ernstlich zu beherzigen: Welches ist die eigentliche Bestimmung des Gelehrten, auf welchen Platz in der Ordnung der Dinge ist er gestellt, in welchen Verhältnissen stehen die Gelehrten unter sich selbst, gegen die übrigen Menschen überhaupt, und insbesondre gegen die einzelnen Stände derselben, wie und durch welche Mittel können sie den Pflichten, die ihnen durch diese Verhältnisse aufgelegt sind, am geschicktesten Genüge thun, und wie haben sie sich zu dieser Geschicklichkeit zu bilden? Diese Fragen sind es, die ich in den öffentlichen Vorlesungen, welche ich unter der Benennung Moral für Gelehrte, angekündigt habe, zu beantworten suchen werde. Erwarten Sie von diesen Unterhaltungen nicht eine systematische Wissenschaft; dem Gelehrten fehlt es öfterer beim Handeln, als beim Wissen. Vergönnen Sie vielmehr, dass wir in diesen Stunden, wie eine Gesellschaft von Freunden, die mehr als Ein Band vereinigt, uns zum hohen feurigen Gefühl unsrer gemeinschaftlichen Pflichten ermuntern.