Zweiter Abschnitt. Erörterung des Begriffs der Wissenschaftslehre.
§. 3.
Einen Begriff wissenschaftlich erörtern — und es ist klar, dass hier von keiner andern, als dieser höchsten aller Erörterungen die Rede seyn kann — nenne ich das, wenn man den Ort desselben im System der menschlichen Wissenschaften überhaupt angiebt, d. i., zeigt welcher Begriff ihn seine Stelle bestimmen, und welchem andern sie durch dasselbe bestimmt werden. Nun aber kann der Begriff der Wissenschaftslehre überhaupt im System aller Wissenschaften, eben so wenig einen Ort haben, als der des Wissens an sich, im System des Wissens überhaupt: vielmehr ist er selbst der Ort für alle wissenschaftlichen Begriffe, und weiset ihnen ihre Stellen in sich selbst, und durch sich selbst an. Es ist klar, dass hier nur von einer hypothetischen Erörter- rung geredet werde, d. i. die Frage ist die: vorausge- setzt, dass es schon Wissenschaften gebe und dass Wahrheit in ihnen sey, (welches man von der allgemeinen Wissenschaftslehre vorher gar nicht wissen kann) wie verhält sich die aufzustellende Wissenschaftslehre, zu diesen Wissenschaften?
Auch diese Frage ist durch den blossen Begriff derselben schon beantwortet. Die letztern verhalten sich zu den erstern, wie das Begründete zu seinem Grunde; sie weisen derselben ihre Stellen nicht an; aber jene weiset ihnen allen ihre Stellen in sich selbst und durch sich selbst an. Demnach ist es hier bloss um eine weitere Entwicklung dieser Antwort zu thun.
Die Wissenschaftslehre sollte eine Wissenschaft aller Wissenschaften seyn. Hierbei entsteht zuförderst die Frage: Wie kann sie verbürgen, dass sie nicht nur alle bis jetzt bekannten und erfundenen, sondern auch alle erfindbaren und möglichen Wissenschaften begründet, und dass sie das ganze Gebiet des menschlichen Wissens vollkommen erschöpft habe?
Sie sollte in dieser Rücksicht allen Wissenschaften ihre Grundsätze geben. Alle Sätze demnach, die in irgend einer besondern Wissenschaft Grundsätze sind, sind zugleich auch einheimische Sätze der Wissenschaftslehre; ein und ebenderselbe Satz ist aus zwei Gesichtspunckten zu betrachten. Die Wissenschaftslehre folgert aus dem Satze, als einem in ihr enthaltenen weiter; und die besondere Wissenschaft folgert aus dem gleichen Satze, als ihrem Grundsatze, auch weiter. Also folgt entweder in beiden Wissenschaften das gleiche; alle besondere Wissenschaften sind nicht nur ihrem Grundsatze, sondern auch ihren abgeleiteten Sätzen nach in der Wissenschaftslehre enthalten; und es giebt gar keine besondre Wissenschaft, sondern nur Theile einer und eben derselben Wissenschaftslehre; oder es wird in beiden Wissenschaften auf verschiedene Art gefolgert, welches auch nicht möglich ist, da die Wissenschaftslehre allen Wissenschaften ihre Form geben soll: oder es muss zu einem Satze der blossen Wissenschaftslehre noch Etwas, das freilich nirgend anders her als aus der Wissenschaftslehre entlehnt seyn kann, hinzukommen, wenn er Grundsatz einer besondern Wissenschaft werden soll. Es entsteht die Frage: welches ist das hinzukommende, oder — da dieses hinzukommende die Unterscheidung ausmacht — welches ist die bestimmte Grenze zwischen der Wissenschaftslehre überhaupt, und jeder besondern Wissenschaft.
Die Wissenschaftslehre sollte ferner in dergleichen Rücksicht allen Wissenschaften ihre Form bestimmen. Wie das geschehen könne, ist schon oben angezeigt. Aber es tritt eine andere Wissenschaft, unter dem Namen der Logik, mit den gleichen Ansprüchen uns in den Weg. Zwischen beiden muss entschieden, es muss untersucht werden, wie die Wissenschaftslehre sich zur Logik verhalte.
Die Wissenschaftslehre ist selbst eine Wissenschaft, und was sie in dieser Rücksicht zu leisten habe, ist oben bestimmt. Aber in sofern sie blosse Wissenschaft ist, ist sie Wissenschaft von irgend Etwas; sie hat einen Gegenstand, und es ist aus dem obigen klar, dass dieser Gegenstand kein andrer sei, als das System des menschlichen Wissens überhaupt. Es entsteht die Frage: wie verhält sich die Wissenschaft, als Wissenschaft, zu ihrem Gegenstande, als solchem.
§. 4. In wie fern kann die Wissenschaftslehre sicher seyn, das menschliche Wissen überhaupt erschöpft zu haben?
Das bisherige wahre oder eingebildete menschliche Wissen, ist nicht das menschliche Wissen überhaupt. Gesetzt, ein Philosoph könnte dasselbe wirklich umfasst haben, und durch eine vollständige Induktion den Beweiss führen, dass es in seinem System enthalten sei, so hätte er dadurch seiner Aufgabe noch bei weitem keine Genüge gethan: denn wie wollte er durch seine Induktion aus der bisherigen Erfahrung erweisen, dass auch in der Zukunft keine Entdeckung gemacht werden könne, die nicht unter sein System passe? — Nicht gründlicher würde die Ausflucht seyn, dass er etwa nur das in der gegenwärtigen Sphäre der menschlichen Existenz mögliche Wissen habe erschöpfen wollen; denn wenn seine Philosophie nur für diese Sphäre gilt, so kennt er keine mögliche andre, er kennt demnach auch die Grenzen derjenigen nicht, die durch seine Philosophie erschöpft werden soll; er hat willkürlich eine Grenze gezogen, deren Wahrheit er kaum durch etwas anders, als durch die bisherige Erfahrung erweisen kann, welche durch eine künftige Erfahrung selbst innerhalb seiner vorgegebnen Sphäre immer widersprochen werden könnte. Das menschliche Wissen überhaupt soll erschöpft werden, heisst, es soll unbedingt und schlechthin bestimmt werden, was der Mensch nicht bloss auf der jetzigen Stuffe seiner Existenz, sondern auf allen möglichen und denkbaren Stuffen derselben wissen könne *).
Dies ist nur unter folgenden Bedingungen möglich: zuförderst, dass sich zeigen lasse, der aufgestellte Grundsatz sei erschöpft; und dann, es sei kein anderer Grundsatz möglich, als der aufgestellte.
Ein Grundsatz ist erschöpft, wenn ein vollständiges System auf demselben aufgebaut ist, d. i., wenn der Grundsatz nothwendig auf alle aufgestellten Sätze führt, und alle aufgestellten Sätze nothwendig wieder auf ihn zurückführen. Wenn kein Satz im ganzen System vorkommt, welcher wahr seyn kann, wenn der Grundsatz falsch ist, oder falsch, wenn der Grundsatz wahr ist, so ist dies der negative Beweiss, dass kein Satz zuviel in das System aufgenommen worden; denn derjenige, der nicht in das System gehörte würde wahr seyn können, wenn der Grundsatz falsch, oder falsch, wenn auch der Grundsatz wahr wäre. Ist der Grundsatz gegeben, so müssen alle Sätze gegeben seyn; in ihm und durch ihn ist jeder einzelne gegeben. Es ist aus dem, was wir oben über die Verkettung der einzelnen Sätze in der Wissenschaftslehre gesagt haben, klar, dass diese Wissenschaft den angezeigten negativen Beweiss unmittelbar in sich selbst und durch sich selbst führe. Durch ihn wird erwiesen, dass die Wissenschaft systematisch sei, dass alle ihre Theile in einem einzigen Grundsatze zusammenhangen. — Die Wissenschaft ist ein System, oder sie ist vollendet, wenn weiter kein Satz gefolgert werden kann: und dies giebt den positiven Beweiss, dass kein Satz zu viel in das System aufgenommen worden. Die Frage ist nur die: wann und unter welchen Bedingungen kann kein Satz weiter gefolgert werden; denn es ist klar, dass das bloss relative und negative Merkmal: ich sehe nicht was weiter folgen könne, nichts beweist. Es könnte wohl nach mir ein anderer kommen, welcher da, wo ich nichts sah, etwas sähe. Wir bedürfen eines positiven Merkmals, dass schlechthin und unbedingt nichts weiter gefolgert werden könne; und das könnte kein anders seyn, als das, dass der Grundsatz, von welchem wir ausgegangen wären, das letzte Resultat sey. Dann wäre klar, dass wir nicht weiter gehen könnten, ohne den Weg, den wir schon einmal ge macht, noch einmal zu machen. Es wird sich bey einstiger Aufstellung der Wissenschaft zeigen, dass sie diesen Kreislauf wirklich vollendet, und den Forscher gerade bey dem Punkte verlässt, von welchem sie mit ihm ausging, dass sie also gleichfalls den zweyten positiven Beweiss in sich selbst und durch sich selbst führt *).
Aber, wenn auch der aufgestellte Grundsatz erschöpft, und auf ihn ein vollständiges System aufgebaut ist, so folgt daraus noch gar nicht, dass durch seine Erschöpfung das menschliche Wissen überhaupt erschöpft sey; wenn man nicht schon voraussetzt, was erwiesen werden sollte, dass jener Grundsatz der Grundsatz des menschlichen Wissens überhaupt sey. Zu jenem vollendeten Systeme kann freylich nichts mehr weder dazu noch davon gethan werden; aber, was verhindert es denn, dass nicht etwa in der Zukunft, wenn auch bis jetzt sich keine Spur davon zeigen sollte, durch die vermehrte Erfahrung, Sätze zu dem menschlichen Bewusstseyn gelangen sollten, die sich nicht auf jenen Grundsatz gründen, die also einen oder mehrere andere Grundsätze voraussetzen: kurz, warum sollten neben jenem vollendeten Systeme, nicht noch eine oder mehrere andere Systeme im menschlichen Geiste bestehen können? Sie würden freilich weder mit jenem ersten, noch unter sich selbst den geringsten Zusammenhang, den kleinsten gemeinschaftlichen Punkt haben: aber das sollen sie auch nicht, wenn sie nicht ein einziges, sondern mehrere Systeme bilden sollen. Es müsste also, wenn die Unmöglichkeit solcher neuen Entdeckungen befriedigend dargethan werden sollte, erwiesen werden, dass nur ein einziges System im menschlichen Wissen seyn könne. — Da dieser Satz, dass das System ein einziges sei, selbst ein Bestandtheil des menschlichen Wissens seyn sollte, so könnte er sich auf nichts anders gründen, als auf den Grundsatz alles menschlichen Wissens, und nirgendsher bewiesen werden, als aus demselben. Hierdurch wäre nun, vor der Hand wenigstens, soviel gewonnen, dass ein anderer, etwa einmal zum menschlichen Bewusstseyn gelangender Grundsatz, nicht bloss ein andrer, und von dem aufgestellten Grundsatze verschiedener, sondern auch ein demselben gerade entgegengesetzter seyn müsste. Denn unter der obigen Voraussetzung müsste im aufgestellten Grundsatze der Satz enthalten seyn: im menschlichen Wissen ist ein einiges System. Jeder Satz nun, der nicht zu diesem einigen Systeme gehören sollte, wäre von diesem Systeme nicht bloss verschieden, sondern ihm, insofern jenes System das einige seyn sollte, sogar entgegengesetzt, und müsste auf einem Grundsatze beruhen, in welchem der Satz läge: Das menschliche Wissen ist nicht ein einiges System. Man müsste durch weiteres Zurückschliessen auf einen dem ersten Grundsatze geradezu entgegengesetzten Grundsatz kommen; und wenn der erstere z. B. hiesse: Ich bin Ich, so müsste der andere heissen: Ich bin Nicht-Ich.
Aus diesem Widerspruche soll und kann nun nicht geradezu die Unmöglichkeit eines solchen zweiten Grundsatzes gefolgert werden. Wenn im ersten Grundsatze der Satz liegt: das System des menschlichen Wissens sey ein einiges, so liegt freilich auch der darin, dass diesem einigen Sisteme nichts widersprechen müsse; aber beide Sätze sind ja erst Folgerungen aus ihm selbst, und so wie die absolute Gültigkeit alles dessen, was aus ihm folgt, angenommen wird, wird ja schon angenommen, dass er absolut-erster und einziger Grundsatz sei, und im menschlichen Wissen schlechthin gebiete. Also ist hier ein Zirkel, aus dem der menschliche Geist nie herausgehen kann; und man thut recht wohl daran, diesen Zirkel bestimmt zuzugestehen, damit man nicht etwa einmahl über die unerwartete Entdeckung desselben in Verlegenheit gerathe. Er ist folgender: Wenn der Satz R erster höchster und absoluter Grundsatz des menschlichen Wissens ist, so ist im menschlichen Wissen ein einiges System: denn das letztere folgt aus dem Satze R.: Da nun im menschlichen Wissen ein einiges System seyn soll, so ist der Satz R, der wirklich (laut der aufgestellten Wissenschaft,) ein System begründet, Grundsatz des menschlichen Wissens überhaupt, und das auf ihn gegründete System, ist jenes einige System des menschlichen Wissens.
Ueber diesen Zirkel hat man nun nicht Ursache betreten zu seyn. Verlangen, dass er gehoben werde, heisst verlangen, dass das menschliche Wissen völlig grundloss sei, dass es gar nichts schlechthin gewisses geben, sondern dass alles menschliche Wissen nur bedingt seyn, und dass kein Satz an sich, sondern jeder nur unter der Bedingung gelten solle, dass derjenige, aus dem er folgt, gelte. Wer Lust dazu hat, mag immer untersuchen, was er wissen würde, wenn sein Ich nicht Ich wäre, d. i., wenn er nicht existirte, und kein Nicht-Ich von seinen Ich unterscheiden könnte.
§. 5. Welches ist die Grenze, die die allgemeine Wissenschaftslehre von der besondern durch sie begründeten Wissenschaft scheidet?
Wir fanden oben (§. 3.) dass ein und eben derselbe Satz nicht in dergleichen Beziehung ein Satz der allgemeinen Wissenschaftslehre und ein Grundsatz irgend einer besondern Wissenschaft seyn könne; sondern dass etwa noch etwas hinzukommen müsse, wenn er das letztere seyn soll. — Das, was hinzukommen muss, kann nirgend anders her, als aus der allgemeinen Wissenschaftslehre entlehnt seyn, da in ihr alles mögliche menschliche Wissen enthalten ist; aber es muss dort nicht in eben dem Satze liegen, der jetzt durch den Zusatz desselben zum Grundsatze einer Wissenschaftslehre erhoben werden soll, denn sonst wäre er schon dort Grundsatz, und wir hätten keine Grenze zwischen der besondern Wissenschaft, und den Theilen der allgemeinen Wissenschaftslehre. Es muss demnach etwa ein einzelner Satz der Wissenschaftslehre seyn, der mit dem Satze, der Grundsatz werden soll, vereinigt wird. Da wir hier nicht einen unmittelbaren aus den Begriffen der Wissenschaftslehre selbst entlehnten, sondern einen aus der Voraussetzung, dass es ausser ihr wirklich noch andre von ihr getrennte Wissenschaften gebe, entspringenden Einwurf zu beantworten haben, so können wir ihn nicht anders, als gleichfalls durch eine Voraussetzung beantworten; und wir haben vor der Hand genug gethan, wenn wir nur irgend eine Möglichkeit der geforderten Begrenzung aufzeigen. Dass sie die wahre Grenze angebe — ob es gleich wohl der Fall seyn dürfte — können und sollen wir hier nicht beweisen.
Man setze demnach, die Wissenschaftslehre enthalte diejenigen bestimmten Handlungen des menschlichen Geistes, die er alle, sei er nun bedingt oder unbedingt, gezwungen und nothwendig vollbringt; sie stelle aber dabei als höchsten Erklärungsgrund jener nothwendigen Handlungen überhaupt, ein Vermögen derselben auf, sich schlechthin ohne Zwang und Nöthigung zum handeln überhaupt zu bestimmen; so wäre durch die Wissenschaftslehre ein nothwendiges und ein nicht nothwendiges oder freyes Handeln gegeben. Die Handlungen des menschlichen Geistes, in so fern er nothwendig handelt, wären durch sie bestimmt, nicht aber in so fern er frey handelt. — Man setze ferner: auch die freien Handlungen sollten, aus irgend einem Grunde bestimmt werden, so könnte das nicht in der Wissenschaftslehre geschehen, müsste aber doch, da von Bestimmung die Rede ist, in Wissenschaften, und also in besondern Wissenschaften geschehen. Der Gegenstand dieser freien Handlungen könnte nun kein andrer seyn, als das durch die Wissenschaftslehre überhaupt gegebene Nothwendige, da nichts vorhanden ist, das sie nicht gegeben hätte, und sie überall nichts giebt, als das Nothwendige. Demnach müsste im Grundsatze einer besondern Wissenschaft eine Handlung, die die Wissenschafts lehre frei gelassen hätte, bestimmt werden: Die Wissenschaftslehre gäbe dem Grundsatze das Nothwendige und die Freiheit überhaupt; die besondre Wissenschaft aber gäbe der Freiheit ihre Bestimmung; und nun wäre die scharfe Grenzlinie gefunden, und so bald eine an sich freie Handlung eine bestimmte Richtung bekäme, schritten wir aus dem Gebiete der allgemeinen Wissenschaftslehre, auf das Feld einer besondern Wissenschaft hinüber. — Ich mache mich durch zwei Beispiele deutlich.
Die Wissenschaftslehre giebt als nothwendig den Raum und den Punkt als absolute Grenzen; aber sie lässt der Einbildungskraft die völlige Freiheit den Punkt zu setzen, wohin es ihr beliebt. Sobald diese Freiheit bestimmt wird, z. B. ihn gegen die Begrenzung des unbegrenzten Raumes fortzubewegen, und dadurch eine Linie *) zu ziehen, sind wir nicht mehr im Gebiete der Wissenschaftslehre, sondern auf dem Boden einer besondern Wissenschaft, welche Geometrie heisst. Die Aufgabe überhaupt, den Raum nach einer Regel zu begrenzen, oder die Construktion in demselben, ist Grundsatz der Geometrie, und sie ist dadurch von der Wissenschaftslehre scharf abgeschnitten.
Durch die Wissenschaftslehre sind ein von den Gesetzen der blossen Vorstellung schlechthin unabhängiges Nicht-Ich, und die Gesetze nach denen es beobachtet werden soll und muss *), als nothwendig gegeben; aber die Urtheilskraft behält dabei ihre völlige Freiheit, diese Gesetze überhaupt anzuwenden oder nicht, oder bei der Mannigfaltigkeit der Gesetze so wohl als der Gegenstände, welches Gesetz sie will, auf einen beliebigen Gegenstand anzuwenden, z. B. den menschlichen Körper als rohe, oder organisirte, oder als animalisch belebte Materie zu betrachten. So bald aber die Urtheilskraft die Aufgabe erhält, einen bestimmten Gegenstand nach einem bestimmten Gesetze zu beobachten, um zu sehen, ob und in wie fern er mit demselben übereinkomme oder nicht, ist sie nicht mehr frei, sondern unter einer Regel; und wir sind demnach nicht mehr in der Wissenschaftslehre, sondern auf dem Felde einer andern Wissenschaft, welche die Naturwissenschaft heisst. Die Aufgabe überhaupt, jeden in der Erfahrung gegebnen Gegenstand an jedes in unserm Geiste gegebnes Naturgesetz zu halten, ist Grundsatz der Naturwissenschaft: sie besteht durchgängig aus Experimenten, (nicht aber aus dem leidenden Verhalten gegen die regellosen Einwirkungen der Natur auf uns) die man sich willkürlich aufgiebt, und denen die Natur entsprechen kann oder nicht: und dadurch ist denn die Naturwissenschaft genugsam von der Wissenschaftslehre überhaupt geschieden.
Also sieht man schon hier — welches wir bloss im Vorbeygehen erinnern — warum bloss die Wissenschaftslehre absolute Totalität haben, alle besondre Wissenschaften aber unendlich seyn werden. Die Wissenschaftslehre enthält bloss das Nothwendige; ist dies in jeder Betrachtung nothwendig, so ist es dasselbe auch in Absicht der Quantität, d. h., es ist nothwendig begränzt. Alle übrigen Wissenschaften gehen auf die Freyheit, so wohl die unsers Geistes, als die des von uns schlechthin unabhängigen Nicht-Ich. Soll dieses wirkliche Freyheit seyn, und soll sie schlechthin unter keinem Gesetze stehen, so lässt sich ihr auch kein Wirkungskreis vorschreiben, welches ja durch ein Gesetz geschehen müsste. Ihr Wirkungskreis ist demnach unendlich. — Man hat also von einer erschöpfenden Wissenschaftslehre keine Gefahr für die ins Unendliche fortgehenden Perfektibilität des menschlichen Geistes zu besorgen; sie wird dadurch gar nicht aufgehoben, sondern vielmehr völlig sicher und ausser Zweifel gesetzt, und es wird ihr eine Aufgabe angewiesen, die sie in Ewigkeit nicht endigen kann.
§. 6. Wie verhält sich die allgemeine Wissenschaftslehre insbesondre zur Logik?
Die Wissenschaftslehre soll für alle möglichen Wissenschaften die Form aufstellen: nach der gewöhnlichen Meinung, an der wohl auch etwas Wahres seyn mag, thut die Logik das gleiche. Wie verhalten sich diese beiden Wissenschaften, und wie verhalten sie sich insbesondere in Absicht jenes Geschäfts, das beide sich anmaassen? So bald man sich erinnert, dass die Logik allen möglichen Wissenschaften blos und allein die Form, die Wissenschaftslehre aber nicht die Form allein, sondern auch den Gehalt geben solle, so ist ein leichter Weg eröffnet, um in diese höchstwichtige Untersuchung einzudringen. In der Wissenschaftslehre ist die Form vom Gehalte, oder der Gehalt von der Form nie getrennt; in jedem ihrer Sätze ist beides auf das innigste vereinigt. Soll in den Sätzen der Logik die blosse Form der möglichen Wissenschaften, nicht aber der Gehalt liegen, so sind sie nicht zugleich Sätze der Wissenschaftslehre; sondern sie sind von ihnen verschieden; und folglich ist auch die ganze Wissenschaft, weder die Wissenschaftslehre selbst, noch etwa ein Theil von ihr; sie ist, so sonderbar dies auch bei der gegenwärtigen Ver fassung der Philosophie jemanden vorkommen möge, überhaupt keine philosophische, sondern sie ist eine eigne abgesonderte Wissenschaft, wodurch jedoch ihrer Würde gar kein Abbruch geschehen soll.
Ist sie dies, so muss sich eine Bestimmung der Freiheit aufzeigen lassen, durch welche zwischen ihr und der allgemeinen Wissenschaftslehre die Grenze gezogen werde, und diese ist denn auch leicht aufzufinden. In der Wissenschaftslehre sind Gehalt und Form nothwendig vereinigt. Die Logik soll die blosse Form, vom Gehalte abgesondert, aufstellen; diese Absonderung ist an sich nicht nothwendig, sondern sie geschieht blos durch Freiheit; mithin muss in der Logik die Freiheit bestimmt werden, eine solche Absonderung vorzunehmen. Man nennt sie Abstraktion; und demnach besteht das Wesen der Logik in der Abstraktion von allem Gehalt der Wissenschaftslehre.
Auf diese Art wären die Sätze der Logik bloss Form, welches unmöglich ist; denn es liegt im Begriffe des Satzes überhaupt, dass er beides Gehalt, so wohl als Form habe. (§. 1.) Mithin müsste das, was in der Wissenschaftslehre blosse Form ist, in der Logik Gehalt seyn, und dieser Gehalt bekäme wieder die allgemeine Form der Wissenschaftslehre, die aber hier bestimmt als Form eines logischen Satzes gedacht würde. Diese zweite Handlung der Freiheit, durch welche die Form zur Form der Form selbst, als ihres Gehalts wird, heisst Reflexion. Keine Abstraktion ist ohne Reflexion; und keine Reflexion ohne Abstraktion möglich. An sich betrachtet sind beides Handlungen der Freiheit; wenn sie aber gegenseitig auf einander bezogen werden, so ist unter Bedingung der einen, die zweite nothwendig.
Hieraus ergiebt sich das bestimmte Verhältniss der Logik zur Wissenschaftslehre. Die erstere begründet nicht die letztere, sondern die letztere begründet die erstere: Die Wissenschaftslehre kann schlechterdings nicht aus der Logik bewiesen werden, und man darf ihr keinen einzigen logischen Satz, auch den des Widerspruchs nicht, als gültig vorausschicken; hingegen muss jeder logische Satz, und die ganze Logik aus der Wissenschaftslehre bewiesen werden; es muss gezeigt werden, dass die in ihr aufgestellten Formen, wirkliche Formen eines gewissen Gehalts in der Wissenschaftslehre seyen. Also entlehnt die Logik ihre Gültigkeit von der Wissenschaftslehre, nicht aber die Wissenschaftslehre die ihrige von der Logik.
Ferner, die Wissenschaftslehre wird nicht durch die Logik, aber die Logik wird durch die Wissenschaftslehre bedingt und bestimmt. Die Wissenschaftslehre bekommt nicht etwa von der Logik ihre Form, sondern sie hat sie in sich selbst, und stellt sie erst für die mögliche Abstraktion durch Freyheit auf. Im Gegentheil aber bedingt die Wissenschaftslehre die Anwendung der Logik: die Formen, die sie aufstellt, dürfen auf keinen andern Gehalt angewendet werden, als auf denjenigen, den sie schon in der Wissenschaftslehre in sich fassen — nicht nothwendig auf den ganzen Gehalt, den sie dort in sich fassen, denn dadurch würde keine besondre Wissenschaft entstehen, sondern nur Theile der Wissenschaftslehre wiederhohlt werden, aber doch nothwendig auf einen Theil desselben, auf einen in und mit jenem Gehalt begriffenen Gehalt. Ausser jener Bedingung ist die durch ein solches Verfahren zu Stande gebrachte Wissenschaft ein Luftgebäude.
Endlich, die Wissenschaftslehre ist nothwendig — nicht eben als deutlich gedachte, systematisch aufgestellte Wissenschaft, aber doch als Naturanlage — die Logik aber ist ein künstliches Produkt des menschlichen Geistes in seiner Freiheit. Ohne die erstere würde überhaupt kein Wissen und keine Wissenschaft möglich seyn; ohne die leztere würden alle Wissenschaften nur später haben zu Stande gebracht werden können. Die erstere ist die ausschliessende Bedingung aller Wissenschaft; die letztere ist eine höchst wohlthätige Erfindung, um den Fortgang der Wissenschaften zu sichern und zu erleichtern.
Ich trage das hier systematisch abgeleitete in Beispielen vor:
A = A ist ohne Zweifel ein logisch richtiger Satz, und in so fern er das ist, ist seine Bedeutung die: wenn A gesetzt ist, so ist A gesetzt. Es entstehen hierbei die zwei Fragen: Ist denn A gesetzt? — und in wiefern und warum ist A gesetzt, wenn es gesetzt ist; wie hängt jenes Wenn und dieses So überhaupt zusammen?
Setzet: A im obigen Satze bedeute ich, und habe also seinen bestimmten Gehalt, so hiesse der Satz zuförderst: Ich bin Ich: oder, wenn ich gesetzt bin, so bin ich gesetzt. Aber, weil das Subjekt des Satzes das absolute Subjekt, das Subjekt schlechthin ist, so wird in diesem einzigen Falle, mit der Form des Satzes zugleich sein innerer Gehalt gesetzt: Ich bin gesetzt, weil ich mich gesetzt habe. Ich bin, weil ich bin. — Die Logik also sagt: Wenn A ist, ist A; die Wissenschaftslehre: Weil A ist, ist A. Und hierdurch würde die Frage: Ist denn A gesetzt? so beantwortet: Es ist gesetzt, denn es ist gesetzt.
Setzet: A in obigem Satze bedeute nicht das Ich, sondern irgend etwas anders, so lässt sich aus dem obigen die Bedingung einsehen, unter welcher man sagen könne: A ist gesetzt; und wie man berechtigt sei zu schliessen: Wenn A gesetzt ist, so ist es gesetzt. — Nemlich der Satz: A = A gilt ursprünglich nur vom Ich; er ist von dem Satze der Wissenschaftslehre: Ich bin Ich, abgezogen; aller Gehalt also, worauf er anwendbar seyn soll, muss im Ich liegen, und unter ihm enthalten seyn. Kein A also kann etwas anders seyn, als ein im Ich gesetztes, und nun hiesse der Satz so: Was im Ich gesetzt ist, ist gesetzt; ist A im Ich gesetzt, so ist es gesetzt, (in so fern er nemlich gesetzt ist, als möglich, wirklich, oder nothwendig) und so ist er unwidersprechlich wahr, wenn das Ich Ich seyn soll. — Ist ferner das Ich gesetzt, weil es gesetzt ist, so ist alles, was im Ich gesetzt ist, gesetzt, weil es gesetzt ist; und wenn nur A etwas im Ich gesetztes ist, so ist es gesetzt, wenn es gesetzt ist, und die zweite Frage ist auch beantwortet.
§. 7. Wie verhält sich die Wissenschaftslehre als Wissenschaft, zu ihrem Gegenstande?
Jeder Satz in der Wissenschaftslehre hat Form und Gehalt: man weiss etwas; und es ist etwas, wovon man es weiss. Nun aber ist ja die Wissenschaftslehre selbst die Wissenschaft von etwas; nicht aber dieses Etwas selbst. Mithin wäre dieselbe überhaupt mit allen ihren Sätzen, Form eines gewissen vor derselben vorhandenen Gehalts. Wie verhält sie sich zu diesem Gehalte, und was folgt aus diesem Verhältnisse?
Das Objekt der Wissenschaftslehre ist nach allem das System des menschlichen Wissens. Dieses ist unabhängig von der Wissenschaft desselben vorhanden, wird aber durch sie in systematischer Form aufgestellt. Was ist nun diese neue Form; wie ist sie von der Form, die vor der Wissenschaft vorher vorhanden seyn muss, unterschieden; und wie ist die Wissenschaft überhaupt von ihrem Objekt unterschieden?
Was unabhängig von der Wissenschaft im menschlichen Geiste da ist, können wir auch die Handlungen desselben nennen. Diese sind das Was, das vorhanden ist; sie geschehen auf eine gewisse bestimmte Art; durch diese bestimmte Art unterscheidet sich die eine von der andern; und dieses ist das Wie. Im menschlichen Geiste ist also ursprünglich vor unserm Wissen vorher Gehalt und Form, und beide sind unzertrennlich verbunden; jede Handlung geschieht auf eine bestimmte Art nach einem Gesetze, und dieses Gesetz bestimmt die Handlung. Es ist, wenn alle diese Handlungen unter sich zusammenhangen, und unter allgemeinen, besondern, und einzelnen Gesetzen stehen, für die etwanigen Beobachter auch ein System vorhanden.
Es ist aber gar nicht nothwendig, dass diese Handlungen wirklich der Folge nach in jener systematischen Form, eine nach der andern, in unserm Geiste vorkommen; dass die, welche alle unter sich fasst, und das höchste, allgemeinste Gesetz giebt, zuerst, dann die, welche weniger unter sich fasst u. s. f. vorkommen; ferner ist auch das gar nicht die Folge, dass sie alle rein und unvermischt vorkommen, so dass nicht mehrere, die durch einen etwanigen Beobachter gar wohl zu unterscheiden wären, als eine einzige erscheinen sollten. Z. B. die höchste Handlung des menschlichen Geistes sei die, seine eigene Existenz zu setzen, so ist gar nicht nothwendig, dass diese Handlung der Zeit nach die erste sei, die zum deutlichen Bewusstseyn komme; und eben so wenig ist nothwendig, dass sie jemals zum reinen Bewusstseyn komme, dass der menschliche Geist jetzt fähig sei, schlechthin zu denken: Ich bin, ohne zugleich zu denken, dass irgend etwas nicht Ich sei.
Hierin liegt nun der ganze Stoff einer möglichen Wissenschaftslehre, aber nicht die Wissenschaft selbst. Um diese zu Stande zu bringen, dazu gehört noch eine, unter jenen Handlungen allen nicht enthaltene Handlung des menschlichen Geistes, nehmlich die, seine Handlungsart überhaupt zum Bewusstseyn zu erheben. Da sie unter jenen Handlungen, welche alle nothwendig, und die nothwendig alle sind, nicht enthalten seyn soll, so muss es eine Handlung der Freiheit seyn. — Die Wissenschaftslehre entsteht also, in so fern sie eine systematische Wissenschaft seyn soll, gerade so, wie alle möglichen Wissenschaften, in so fern sie systematisch seyn sollen, durch eine Bestimmung der Freiheit; welche letztre hier insbesondre bestimmt ist, die Handlungsart des menschlichen Geistes überhaupt zum Bewusstseyn zu erheben; und die Wissenschaftslehre ist von andern Wissenschaften nur dadurch unterschieden, dass das Objekt der letztern selbst eine freie Handlung, das Objekt der erstern aber nothwendige Handlungen sind.
Durch diese freie Handlung wird nun etwas, das schon an sich Form ist, die nothwendige Handlung des menschlichen Geistes, als Gehalt in eine neue Form die Form des Wissens, oder des Bewusstseyns aufgenommen, und demnach ist jene Handlung eine Handlung der Reflexion. Jene nothwendigen Handlungen, werden aus der Reihe, in der sie etwa an sich vorkommen mögen, getrennt, und von aller Vermischung rein aufgestellt; mithin ist jene Handlung auch eine Handlung der Abstraktion. Es ist unmöglich zu reflektiren ohne abstrahiert zu haben.
Die Form des Bewusstseyns, in welche die nothwendigen Handlungsart des menschlichen Geistes überhaupt aufgenommen werden soll, gehört ohne Zweifel selbst zu den nothwendigen Handlungsarten desselben, seine Handlungsart wird in sie ohne Zweifel gerade so aufgenommen, wie alles, was darin aufgenommen wird: er hätte also an sich keine Schwierigkeit die Frage zu beantworten: woher denn zum Behuf einer möglichen Wissenschaftslehre diese Form kommen sollte. Aber, überhebt man sich der Frage über die Form, so fällt die ganze Schwierigkeit in die Frage über den Stoff. — Soll die nothwendige Handlungsart des menschlichen Geistes an sich in die Form des Bewusstseyns aufgenommen werden, so müsste sie schon als solche bekannt seyn, sie müsste mithin in diese Form schon aufgenommen seyn; und wir wären in einem Zirkel eingeschlossen.
Diese Handlungsart überhaupt, soll nach dem obigen durch eine reflektirende Abstraktion von allem, was nicht sie ist, abgesondert werden. Diese Abstraktion geschieht durch Freiheit, und der menschliche Geist wird in ihr gar nicht durch blinden Zwang geleitet. Die ganze Schwierigkeit ist also in der Frage enthalten: nach welchen Regeln verfährt die Freiheit in jener Absonderung? wie weiss der menschliche Geist, was er aufnehmen und liegen lassen wolle?
Das kann er nun schlechterdings nicht wissen, wofern nicht etwa dasjenige, was er erst zum Bewusstseyn erheben soll, schon dazu erhoben ist; welches sich widerspricht. Also giebt es für dieses Geschäft gar keine Regel, und kann keine geben. Der menschliche Geist macht mancherlei Versuche; er kommt durch blindes Herumtappen zur Dämmerung, und geht erst aus dieser zum hellen Tage über. Er wird Anfangs durch dunkle Gefühle *) (deren Ursprung und Wirklichkeit die Wissenschaftslehre darzulegen hat) geleitet; und wir hätten noch heute keinen deutlichen Begriff, und wir wären noch immer der Erdklos, der sich dem Boden entwand, wenn wir nicht angefangen hätten dunkel zu fühlen, was wir erst später deutlich erkannten. — Diess ist denn auch die Geschichte der Philosophie! und wir haben jetzt den eigentlichen Grund angegeben, warum dasjenige, was doch in jedem menschlichen Geiste offen da liegt, und was jeder mit Händen greifen kann, wenn es ihm deutlich dargelegt wird, erst nach mannigfaltigen Herumirren zum Bewusstsein einiger weniger gelangte. Alle Philosophen sind auf das aufgestellte Ziel ausgegangen, alle haben durch Reflexion die nothwendige Handlungsart des menschlichen Geistes von den zufälligen Bedingungen derselben absondern wollen; alle haben sie wirklich, nur mehr oder weniger rein, und mehr oder weniger vollständig, abgesondert; im Ganzen aber ist die philosophirende Urtheilskraft immer weiter vorgerückt und ihrem Ziele näher gekommen.
Da aber jene Reflexion, nicht in so ferne sie überhaupt vorgenommen wird, oder nicht, denn in dieser Rücksicht ist sie frei, sondern in so fern sie nach Gesetzen vorgenommen wird, in so fern unter der Bedingung, dass sie überhaupt statt finde, die Art derselben bestimmt ist — auch zu den nothwendigen Handlungen des menschlichen Geistes gehört, so müssen die Gesetze derselben im System des menschlichen Geistes überhaupt vorkommen; und man kann hinterher, nach Vollendung der Wissenschaft, allerdings einsehen, ob man denselben Genüge geleistet habe oder nicht. Man dürfte also glauben, dass wenigstens hinterher ein evidenter Beweiss der Richtigkeit unsers wissenschaftlichen Systems, als eines solchen möglich wäre.
Aber die Reflexionsgesetze die wir im Gange der Wissenschaft finden, wenn sie auch mit denen, die wir als die Regel unsers Verfahrens, hypothetisch voraussetzen, übereinstimmen, sind doch selbst das Resultat von ihrer vorherigen Anwendung; und es entdeckte sich hier ein neuer Zirkel: Wir haben gewisse Reflexionsgesetze vorausgesetzt, und finden jetzt im Verlaufe der Wissenschaft die gleichen; also sind die Vorausgesetzten die einzig richtigen. Wenn wir andre vorausgesetzt hätten, so würden wir ohne Zweifel in der Wissenschaft auch andre gefunden haben; es fragt sich nur, ob sie mit den vorausgesetzten übereingestimmt haben würden oder nicht; hätten sie nicht mit ihnen übereingestimmt, so war allerdings sicher, dass entweder die vorausgesetzten oder die gefundenen, oder am wahrscheinlichsten beide falsch waren. Wir können also in dem Beweise hinterher nicht auf die angezeigte fehlerhafte Art im Zirkel schliessen; sondern wir schliessen aus der Uebereinstimmung auf die Richtigkeit des Systems. Dieses ist aber nur ein negativer Beweiss, der blosse Wahrscheinlichkeit begründet. Stimmen die vorausgesetzten und die gefundenen Reflexionen nicht überein, so ist das System sicher falsch. Stimmen sie überein, so kann es richtig seyn. Aber es muss nicht nothwendig richtig seyn; denn obgleich, wenn im menschlichen Wissen nur ein System ist, bey richtigem Folgern eine solche Uebereinstimmung sich nur auf eine Art finden kann, so bleibt doch immer der Fall möglich, dass die Uebereinstimmung von ungefähr durch zwei oder mehrere Uebereinstimmung bewirkende unrichtige Folgerungen hervorgebracht sei. — Es ist, als ob ich die Probe, der Division durch die Multiplikation mache. Bekomme ich nicht die begehrte Grösse als Produkt, sondern irgend eine andre, so habe ich sicher irgendwo falsch gerechnet; bekomm ich sie, so ist wahrscheinlich, dass ich richtig gerechnet habe, aber auch bloss wahrscheinlich; denn ich könnte in der Division und Multiplikation den gleichen Fehler gemacht haben, etwa in beiden gesagt haben 5 X 9 = 36. und so bewiese die Uebereinstimmung nichts. — So die Wissenschaftslehre; sie ist nicht bloss die Regel, sondern sie ist zugleich die Rechnung. Wer an der Richtigkeit unsers Produkts zweifelt, zweifelt nicht eben an dem ewig gültigen Gesetze, dass man den einen Faktor so vielmal setzen müsse, als der andre Einheiten habe; es liegt ihm vielleicht eben so sehr am Herzen als uns, und er zweifelt bloss daran, ob wir es wirklich beobachtet haben.
Es bleibt demnach, selbst bei der höchsten Einheit des Systems, welches die negative Bedingung seiner Richtigkeit ist, noch immer etwas übrig, das nie streng erwiesen, sondern nur als wahrscheinlich angenommen werden kann, nehmlich, dass diese Einheit selbst nicht von ungefähr durch unrichtige Folgerung entstanden sei. Man kann mehrere Mittel anwenden, um diese Wahrscheinlichkeit zu erhöhen; man kann die Reihe der Sätze zu mehreren Malen, wenn sie unserm Gedächtniss nicht mehr gegenwärtig sind, durchdenken; man kann den umgekehrten Weg machen, und vom Resultate zum Grundsatze zurück gehen; man kann über seine Reflexion selber wieder reflektiren u. s. f. die Wahrscheinlichkeit wird immer grösser, aber nie wird Gewissheit, was blosse Wahrscheinlichkeit war. Wenn man sich dabei nur bewusst ist, redlich ge forscht *), und sich nicht schon die Resultate vorgesetzt zu haben, so kann man sich mit dieser Wahrscheinlichkeit gar wohl begnügen, und darf von jedem, der die Zuverlässigkeit unsers Systems in Zweifel zieht, fordern, dass er uns die Fehler in unsern Folgerungen nachweise; aber nie darf man auf Infallibilität Anspruch machen. — Das System des menschlichen Geistes, dessen Darstellung die Wissenschaftslehre seyn soll, ist absolut gewiss und infallibel; alles, was in ihm begründet ist, ist schlechthin wahr; er irrt nie, und was je in einer Menschenseele gewesen ist, oder seyn wird, ist wahr. Wenn die Menschen irrten, so lag der Fehler nicht im Nothwendigen, sondern die reflektirende Urtheilskraft machte ihn in ihrer Freiheit; indem sie ein Gesetz mit einem andern verwechselte. Ist unsre Wissenschaftslehre eine getroffene Darstellung dieses Systems, so ist sie schlechthin gewiss und infallibel, wie jenes; aber die Frage ist eben davon, ob und in wie fern unsre Darstellung getroffen sei; und darüber können wir nie einen strengen, sondern nur einen Wahrscheinlichkeit begründenden Beweiss führen. Sie hat nur unter der Bedingung, und nur in so fern Wahrheit, als sie getroffen ist. Wir sind nicht Gesetzgeber des menschlichen Geistes, sondern seine Historiographen; freilich nicht Zeitungsschreiber, sondern pragmatische Geschichtschreiber.
Hiezu kommt noch der Umstand, dass ein System wirklich im Ganzen richtig seyn kann, ohne dass die einzelnen Theile desselben die völlige Evidenz haben. Es kann hier und da unrichtig gefolgert, es können Mittelsätze übersprungen, es können erweissbare Sätze ohne Beweiss aufgestellt oder unrichtig bewiesen seyn, und die wichtigsten Resultate sind dennoch richtig. Diess scheint unmöglich, es scheint, dass eine haarkleine Abweichung von der geraden Linie nothwendig zu einer sich in’s unendliche vergrössernden Abweichung führen müsse; und so würde es allerdings seyn, wenn der Mensch bloss ein denkendes, und nicht auch ein fühlendes Wesen wäre; und wenn nicht oft das Gefühl durch Verursachung einer neuen Verirrung von der geraden Bahn des Räsonnements die alten Verirrungen berichtigte, und ihn nicht wieder dahin zurückleitete, wohin er durch richtige Folgerung nie wieder zurückgekommen wäre.
Also wird, wenn auch eine allgemeingeltende Wissenschaftslehre aufgestellt werden sollte, die philosophirende Urtheilskraft noch immer selbst in diesem Felde an ihrer fortdauernden Perfektibilität zu arbeiten, sie wird noch immer Lücken auszufüllen, Beweisse zu schärfen, Bestimmungen noch näher zu bestimmen haben.
Noch hab’ ich zwei Anmerkungen hinzu zu setzen:
Die Wissenschaftslehre setzt die Regeln der Reflexion und Abstraktion als bekannt und gültig voraus; sie muss diess nothwendig thun, und sie hat sich dessen nicht zu schämen, oder ein Geheimniss daraus zu machen, und es zu verstecken, Sie darf sich ausdrücken und Schlüsse machen, gerade, wie jede andere Wissenschaft; sie darf alle logischen Regeln voraussetzen, und alle Begriffe anwenden, deren sie bedarf. Diese Voraussetzungen geschehen aber bloss um sich verständlich zu machen, also ohne die mindeste Folge daraus zu ziehen. Es muss alles Erweissbare erwiesen, ausser jenem ersten und höchsten Grundsatze müssen alle Sätze abge leitet werden. So ist z. B. weder der logische Satz der Gegensetzung (des Widerspruchs, der alle Analyse begründet) noch der des Grundes (nichts ist entgegengesetzt, das nicht in einem dritten gleich wäre, und nichts ist gleich, das nicht in einem dritten entgegengesetzt wäre, welcher alle Synthesis begründet) vom absolut-ersten Grundsatze, wohl aber von den beiden auf ihm beruhenden Grundsätzen abgezogen. Die beiden letztern sind zwar auch Grundsätze, aber nicht absolute; es ist nur etwas in ihnen absolut. Diese Sätze demnach, so wie die logischen Sätze, die auf ihnen beruhen, müssen zwar nicht bewiesen; aber abgeleitet werden. — Ich mache mich noch deutlicher: dass, was die Wissenschaftslehre aufstellt, ist ein gedachter und in Worte gefasster Satz; dasjenige im menschlichen Geiste, welchem dieser Satz korrespondirt, ist irgend eine Handlung desselben, die an sich gar nicht nothwendig gedacht werden müsste. Dieser Handlung muss nichts vorausgesetzt werden, als dasjenige, ohne welches sie als Handlung unmöglich wäre; und das wird nicht stillschweigend vorausgesetzt, sondern es ist das Geschäft der Wissenschaftslehre, es deutlich, und bestimmt, und als dasjenige aufzustellen, ohne welches die Handlung unmöglich seyn würde. Es sei z. B. die Handlung D — die vierte in der Reihe, so muss ihr die Handlung C vorher gehen, und als ausschliessende Bedingung ihrer Möglichkeit erwiesen werden; und dieser die Handlung B. Die Handlung A aber ist schlechthin möglich, sie ist ganz unbedingt, und mithin darf und soll ihr gar nichts vorausgesetzt werden. — Das Denken der Handlung A aber ist ganz eine andre Hand lung, die weit mehr voraussetzt. Setzet, sie sei in der Reihe der aufzustellenden Handlungen D, so ist klar, dass zum Behuf derselben A. B. C. vorausgesetzt, und zwar, da jenes Denken das erste Geschäft der Wissenschaftslehre seyn soll, stillschweigend vorausgesetzt werden müssen. Erst im Satze D werden die Voraussetzungen des ersten erwiesen werden; aber dann wird wieder mehreres vorausgesetzt seyn. Die Form der Wissenschaft eilt demnach ihrem Stoff beständig vor; und das ist der oben angezeigte Grund, warum die Wissenschaft, als solche, nur Wahrscheinlichkeit hat. Das Dargestellte und die Darstellung sind in zwei verschiedenen Reihen. In der ersten wird nichts unerwiesenes vorausgesetzt; für die Möglichkeit des zweiten, muss nothwendig vorausgesetzt werden, was sich erst später erweisen lässt.
Die Reflexion, welche in der ganzen Wissenschaftslehre, in so ferne sie Wissenschaft ist, herrscht, ist ein Vorstellen; daraus aber folgt gar nicht, dass alles, worüber reflektirt wird, auch nur ein Vorstellen seyn werde. In der Wissenschaftslehre wird das Ich vorgestellt; es folgt aber nicht, das es bloss als vorstellend, bloss als Intelligenz, vorgestellt werde: es können sich noch wohl andre Bestimmungen darin auffinden lassen. Das Ich, als philosophirendes Subjekt, ist unstreitig nur vorstellend; das ich als Objekt des Philosophirens könnte wohl noch etwas mehr seyn. Das Vorstellen ist die höchste und absolut-erste Handlung der Philosophen, als solchen; die absolut erste Handlung des menschlichen Geistes könnte wohl eine andre seyn. Dass es so seyn werde, ist vor aller Erfahrung vorher schon darum wahrscheinlich, weil sich die Vorstellung vollkommen erschöpfen lässt, und ihr Verfahren durchgängig nothwendig ist; mithin einen letzten Grund seiner Nothwendigkeit haben muss, der als letzter Grund keinen höhern haben kann. Unter dieser Voraussetzung könnte eine Wissenschaft, die auf den Begriff der Vorstellung aufgebaut ist, zwar eine höchst nützliche Propädevtik der Wissenschaft, aber sie könnte nicht die Wissenschaftslehre selbst seyn. — So viel aber folgt aus der obigen Angabe sicher, dass die gesammte Handlungsart des menschlichen Geistes, welche die Wissenschaftslehre erschöpfen soll, nur in der Form der Vorstellung — nur in so fern, und so wie sie vorgestellt werden — zum Bewustseyn gelangen.