Erster Abschnitt. Ueber den Begriff der Wissenschaftslehre überhaupt.

§. 1. Hypothetisch aufgestellter Begriff der Wissenschaftslehre.

Um getheilte Partheyen zu vereinigen, geht man am sichersten von dem aus, worüber sie einig sind.

Die Philosophie ist eine Wissenschaft; darüber kommen alle Beschreibungen derselben so überein, wie sie über das Objekt dieser Wissenschaft sich von einander trennen. Und wie, wenn die Trennung gerade daher gekommen wäre, dass der Begriff der Wissenschaft selbst nicht ganz entwickelt war: und wenn jenes einzige Merkmal völlig hinreichte, den Begriff der Philosophie selbst zu bestimmen?

Eine Wissenschaft hat systematische Form; alle Sätze in ihr hangen in einem einzigen Grundsatze zusammen, und vereinigen sich in ihm zu einem Ganzen — auch dieses gesteht man allgemein zu. Aber ist nun der Begriff der Wissenschaft erschöpft?

Wenn jemand auf einem grundlosen und unerweisslichen Satze, z. B. auf dem, dass es in der Luft Geschöpfe mit menschlichen Neigungen, Leidenschaften und Begriffen, und ätherischen Körpern gäbe; eine noch so systematische Naturgeschichte dieser Luftgeister aufbaute, welches an sich recht wohl möglich ist — würden wir ein solches System, so streng auch in demselben gefolgert wird, und so innig auch die einzelnen Theile desselben unter einander verkettet seyn möchten, für eine Wissenschaft anerkennen? Hinwiederum wenn jemand einen einzelnen Lehrsatz oder eine Thatsache anführt — etwa der mechanische Handwerker den Satz; dass auf einer Horizontallinie der Perpendikul zu beiden Seiten rechte Winkel habe; oder der unstudierte Bauer das Faktum: dass der jüdische Geschichtschreiber Iosephus zur Zeit der Zerstörung Jerusalems gelebt habe — so wird jederman zugestehen, derselbe habe Wissenschaft von dem gesagten; obgleich der erstere nicht den geometrischen Beweis seines Satzes von dem ersten Grundsatze dieser Wissenschaft an systematisch fuhren, noch der andere die historische Glaubwürdigkeit seiner Angabe schulgerecht darthun kann, sondern beide die Sache nur auf Treu und Glauben angenommen haben. Warum nennen wir nun jenes feste System, das auf einem unerwiesenen, und unerweissbaren Satze beruhet, nicht Wissenschaft; und warum nennen wir die Kennt niss der zweiten, die in ihrem Verstande mit keinem Systeme zusammenhängt, Wissenschaft?

Ohne Zweifel darum, weil das erstere in aller seiner schulgerechten Form doch nichts enthält, das man wissen kann; und die letztere ohne alle schulgerechte Form, etwas sagen, das sie wirklich wissen und wissen können. —

Das Wesen der Wissenschaft bestünde demnach in der Beschaffenheit ihres Innhalts, dieser müsste wenigstens für den, der Wissenschaft haben soll, gewiss seyn; es müsste etwas seyn das er wissen könnte: und die systematische Form wäre der Wissenschaft blos zufällig; sie wäre nicht der Zweck derselben, sondern blos etwa das Mittel zum Zwecke.

Nemlich — wenn etwa aus irgend einer Ursache der menschliche Geist nur sehr wenig gewiss wissen, alles andere aber nur meynen, muthmassen, ahnen, willkührlich annehmen könnte, — aber doch, gleichfalls aus irgend einer Ursache, mit dieser engbeschränkten oder unsichern Kenntniss sich nicht wohl begnügen könnte, so würde ihm kein anderes Mittel übrig bleiben, dieselbe auszubreiten und zu sichern, als dass er die ungewissen Kenntnisse mit den gewissen vergliche, und aus der Gleichheit oder Ungleichheit der erstern mit den letztern, auf die Gewissheit oder Ungewissheit derselben folgerte. Wären sie einem gewissen Satze gleich, so könnte er sicher annehmen, dass sie auch gewiss seyen; wären sie ihm entgegengesetzt, so wüsste er nunmehro, dass sie falsch wären, und er wäre sicher, von ihnen nicht länger getäuscht zu werden. Er hätte, wenn auch nicht Wahrheit, doch Befreyung vom Irrthum gewonnen. —

Ich mache mich deutlicher. — Eine Wissenschaft soll Eins, ein Ganzes seyn. Der Satz, dass der Perpendikul auf einer Horizontallinie zwei rechte Winkel mache, oder dass Josephus zur Zeit der Zerstörung Jerusalems gelebt habe, ist für den, der keine zusammenhängende Kenntniss von der Geometrie, oder Geschichte hat, ohne Zweifel ein Ganzes, und in so fern eine Wissenschaft.

Aber wir betrachten auch die gesammte Geometrie, und Geschichte als eine Wissenschaft, da doch Beide noch gar manches andre enthalten, als jene Sätze, — wie und wodurch, werden nun eine Menge an sich höchst verschiedener Sätze zu Einer Wissenschaft, zu Einem und eben demselben Ganzen?

Ohne Zweifel dadurch, dass die einzelnen Sätze überhaupt nicht Wissenschaft wären, sondern dass sie erst im Ganzen, durch ihre Stelle im Ganzen, und durch ihr Verhältniss zum Ganzen es werden. Nie aber kann durch blosse Zusammensetzung von Theilen ein etwas entstehen, das nicht in einem Theile des Ganzen anzutreffen sei. Wenn gar kein Satz unter den verbundnen Sätzen Gewissheit hätte, so würde auch das durch die Verbindung entstandene Ganze keine haben.

Mithin müsste wenigstens Ein Satz gewiss seyn der etwa den übrigen seine Gewissheit mittheilte; so dass, wenn, und in wie fern dieser Eine gewiss seyn soll, auch ein Zweiter, und wenn, und in wie fern dieser Zweite gewiss seyn soll, auch ein Dritter, u. s. f. gewiss seyn muss. Und so würden mehrere, und an sich vielleicht sehr verschiedene Sätze, eben dadurch dass sie alle — Gewissheit, und die gleiche Gewissheit hätten, nur Eine Gewissheit gemein haben, und dadurch nur Eine Wissenschaft werden. —

Der gewisse Satz — wir haben bis jezt nur Einen als gewiss angenommen — kann seine Gewissheit nicht erst durch die Verbindung mit den übrigen erhalten, sondern muss sie vor derselben vorher haben; denn aus Vereinigung mehrerer Theile kann nichts entstehen, was in keinem Theile ist. Alle übrigen aber müssten die ihrige von ihm erhalten. Er müsste vor aller Verbindung vorher gewiss und ausgemacht seyn. Kein einziger von den übrigen aber müsste vor der Verbindung es seyn, sondern erst durch sie es werden.

Hieraus erhellet zugleich, dass unsere obige Annahme die einzige richtige ist, und dass in einer Wissenschaft nur Ein Satz seyn kann, der vor der Verbindung vorher gewiss und ausgemacht ist. Gäbe es mehrere dergleichen Sätze; so wären sie entweder mit dem andern gar nicht verbunden, und dann gehörten sie nicht zu dem gleichen Ganzen, sondern machten Ein oder mehrere abgesonderte Ganze aus; oder sie wären damit verbunden. Die Sätze sollen aber nicht anders verbunden werden, als durch die Eine und gleiche Gewissheit. Wenn Ein Satz gewiss ist, so soll auch ein anderer gewiss seyn, und wenn der Eine nicht gewiss ist, so soll auch der andere nicht gewiss seyn. Dies könnte von einem Satze, der eine von den übrigen Sätzen unabhängige Gewissheit hätte, nicht gelten; wenn seine Gewissheit unabhängig seyn soll, so ist er gewiss, wenn auch die Andern nicht gewiss sind. Mithin wäre er überhaupt nicht mit ihnen durch Gewissheit verbunden. Ein solcher vor der Verbindung vorher gewisser Satz heisst ein Grundsatz. Jede Wissenschaft muss einen Grundsatz haben; ja sie könnte ihrem inneren Charakter nach wohl gar aus einem einzigen an sich gewissen Satze bestehen, — der aber dann freilich nicht Grundsatz heissen könnte, weil er nichts begründete. Sie kann aber auch nicht mehr als Einen Grundsatz haben, weil sie sonst nicht Eine sondern mehrere Wissenschaften ausmachen würde.

Eine Wissenschaft kann ausserdem vor der Verbindung vorher gewissen Satze noch mehrere Sätze enthalten, die erst durch die Verbindung mit jenem als gewiss erkannt werden. Die Verbindung besteht, wie eben erinnert worden, darinn, dass gezeigt werde, wenn der Satz A gewiss sei, müsse auch der Satz B — und wenn dieser gewiss sei, müsse auch der Satz C u. s. f. gewiss seyn; und diese Verbindung heisst die systematische Form des Ganzen, das aus den einzelnen Theilen entsteht. — Wozu nun diese Verbindung? Ohne Zweifel nicht um ein Kunststück des Verbindens zu machen, sondern um Sätzen Gewissheit zu geben, die an sich keine hätten; und so ist die systematische Form nicht Zweck der Wissenschaft, sondern sie ist das zufällige, nur unter der Bedingung, dass die Wissenschaft aus mehrern Sätzen bestehen solle, anwendbare Mittel zur Erreichung ihres Zwecks. Sie ist nicht das Wesen der Wissenschaft, sondern eine zufällige Eigenschaft derselben. — Die Wissenschaft sei ein Gebäude; der Hauptzweck derselben sei Festigkeit. Der Grund ist fest, und so wie dieser gelegt ist, wäre der Zweck erreicht. Weil man aber im blossen Grunde nicht wohnen, durch ihn allein sich weder gegen den willkührlichen Anfall des Feindes, noch gegen die unwillkührlichen Anfälle der Witterung schützen kann, so führt man auf denselben Seitenwände, und über diesen ein Dach auf. Alle Theile des Gebäudes werden mit dem Grunde, und unter sich selbst zusammengefügt, und dadurch wird das Ganze fest; aber man baut nicht ein festes Gebäude, damit man zusammenfügen könne, sondern man fügt zusammen, damit das Gebäude fest werde; und es ist fest, in so fern alle Theile desselben auf einem festen Grunde ruhen.

Der Grund ist fest, und er ist auf keinen neuen Grund, sondern er ist auf den festen Erdboden gegründet. — Worauf wollen denn wir den Grund unsrer wissenschaftlichen Gebäude aufführen? Die Grundsätze unsrer Systeme sollen und müssen vor dem Systeme vorher gewiss seyn. Ihre Gewissheit kann in dem Umfange derselben nicht erwiesen werden, sondern jeder in ihnen mögliche Beweiss setzt sie schon voraus. Sind sie gewiss, so ist freilich alles, was aus ihnen folgt, auch gewiss: aber aus was folgt denn ihre eigene Gewissheit?

Noch mehr — wir wollen beym Aufbauen unsrer Lehrgebäude so folgern: Wenn der Grundsatz gewiss ist, so ist auch ein bestimmter andrer Satz gewiss. Worauf gründet sich denn jenes So? Was ist es, das den nothwendigen Zusammenhang zwischen beiden begründet, vermöge dessen dem einen eben die Gewissheit zukommen soll, die dem andern zukommt? Welches sind die Bedingungen dieses Zusammenhangs; und woher wissen wir, dass sie die Bedingungen, und die ausschliessenden Bedingungen, und die einzigen Bedingungen desselben sind? und wie kommen wir überhaupt dazu, einen nothwendigen Zusammenhang zwischen verschiedenen Sätzen, und ausschliessende, aber erschöpfte Bedingungen derselben anzunehmen?

Kurz, wie lässt sich die Gewissheit des Grundsatzes an sich; wie lässt sich die Befugniss auf eine bestimmte Art aus ihm die Gewissheit anderer Sätze zu folgern, begründen?

Dasjenige, was der Grundsatz selbst haben, und allen übrigen Sätzen, die in der Wissenschaft vorkommen, mittheilen soll, nenne ich den innern Gehalt des Grundsatzes und der Wissenschaft überhaupt; die Art, wie er dasselbe den andern Sätzen mittheilen soll, nenne ich die Form der Wissenschaft. Die aufgegebne Frage ist mithin die: Wie ist Gehalt und Form einer Wissenschaft überhaupt, d. h. wie ist die Wissenschaft selbst möglich?

Etwas, worinn diese Frage beantwortet würde, wäre selbst eine Wissenschaft, und zwar die Wissenschaft von der Wissenschaft überhaupt.

Es lässt vor der Untersuchung vorher sich nicht bestimmen, ob die Beantwortung jener Frage möglich seyn werde oder nicht, d. h. ob unser gesammtes Wissen einen festen Grund habe, oder ob es, so innig unter sich verkettet auch die einzelnen Theile desselben seyn mögen, doch zuletzt auf Nichts beruhe. Soll aber unser Wissen einen Grund haben, so muss jene Frage sich beantworten lassen, und es muss eine Wissenschaft geben, in der sie beantwortet wird; und giebt es eine solche Wissenschaft, so hat unser Wissen einen Grund. Es lässt sich demnach über die Gründlichkeit oder Grundlosigkeit unsers Wissens vor der Untersuchung vorher nichts sagen; und die Möglichkeit der geforderten Wissenschaft lässt sich nur durch ihre Wirklichkeit darthun.

Die Benennung einer solchen Wissenschaft, deren Möglichkeit bis jetzt bloss problematisch ist, ist willkürlich. Wenn sich jedoch zeigen sollte, dass der Boden, der nach aller bisherigen Erfahrung für den Anbau der Wissenschaften brauchbar ist, durch die ihm zugehörigen bereits besetzt sey, und dass sich nur noch ein unangebautes Stück Land zeige, nemlich das für die Wissenschaft der Wissenschaften überhaupt; — Wenn sich ferner unter einem bekannten Namen (dem der Philosophie) die Idee einer Wissenschaft vorfände, welche doch auch Wissenschaft seyn oder werden will, und welche über den Platz, wo sie sich anbauen soll, mit sich nicht einig werden kann: so wäre es nicht unschicklich, ihr den aufgefundenen leeren Platz anzuweisen. Ob man sich bisher bei dem Worte Philosophie eben das gedacht habe oder nicht, thut überhaupt nichts zur Sache; und dann würde diese Wissenschaft, wenn sie nur einmal Wissenschaft geworden wäre, nicht ohne Fug einen Namen ablegen, den sie aus übertriebener Bescheidenheit bisher geführt hat — den Namen einer Kennerei, einer Liebhaberei, eines Dillettantism. Die Nation, welche sie erfinden wird, wäre es wohl werth ihr aus ihrer Sprache einen Namen zu ge ben *); und sie könnte dann schlechthin die Wissenschaft, oder die Wissenschaftslehre heissen. Die bisher sogenannte Philosophie wäre demnach die Wissenschaft von einer Wissenschaft überhaupt.

§. 2. Entwicklung des Begriffs der Wissenschaftslehre.

Man soll aus Definitionen nicht folgern: das heisst entweder, man soll daraus, dass man sich ohne Widerspruch in die Beschreibung eines Dinges, welches ganz unabhängig von unsrer Beschreibung existiert, ein gewisses Merkmal hat denken können, nicht ohne weitern Grund schliessen, dass dasselbe darum im wirklichen Dinge anzutreffen seyn müsse; oder man soll bei einem Dinge, das selbst erst durch uns, nach einem davon gebildeten Begriffe, der den Zweck desselben ausdrückt, hervorgebracht werden soll, aus der Denkbarkeit dieses Zwecks noch nicht auf die Ausführbarkeit desselben in der Wirklichkeit schliessen: aber nimmermehr kann es heissen, man solle sich bei seinen geistigen oder körperlichen Arbeiten keinen Zweck aufgeben, und sich denselben, noch ehe man an die Arbeit geht, ja nicht deutlich zu machen suchen, sondern es dem Spiele seiner Einbildungskraft, oder seiner Finger überlassen, was etwa herauskommen möge. Der Erfinder der Aërostatischen Bälle durfte wohl die Grösse derselben, und das Verhältniss der darinn eingeschlos senen Luft gegen die Atmosphärische, und den Grad ihrer Schnelligkeit berechnen; auch noch ehe er wusste, ob er eine Luftart finden würde, die um den erforderlichen Grad leichter sey, als die Atmosphärische: und Archimedes konnte die Maschine, durch welche er den Erdball aus seiner Stelle bewegen wollte, berechnen, ob er gleich sicher wusste, dass er keinen Platz ausserhalb der Anziehungskraft derselben finden würde, von welchem aus er sie könnte wirken lassen. — So unsere eben beschriebene Wissenschaft. Sie ist, als solche, nicht etwas, das unabhängig von uns, und ohne unser Zuthun existiere, sondern das erst durch die Freiheit unsers nach einer bestimmten Richtung hin wirkenden Geistes hervorgebracht werden soll; wenn es eine solche Freiheit giebt, wie wir gleichfalls noch nicht wissen können. Bestimmen wir diese Richtung vorher; machen wir uns einen deutlichen Begriff davon, was unser Werk werden soll! Ob wir es hervorbringen können oder nicht, das wird sich erst daraus ergeben, ob wir es wirklich hervorbringen. Jetzt ist nicht davon die Frage, sondern davon, was wir eigentlich machen wollen; und das bestimmt unsere Definition.

1) Die beschriebene Wissenschaft soll zuförderst eine Wissenschaft der Wissenschaft überhaupt seyn. Jede mögliche Wissenschaft hat einen Gründsatz, der in ihr nicht erwiesen werden kann, sondern vor ihr vorher gewiss seyn muss. Wo soll nun dieser Grundsatz erwiesen werden? Ohne Zweifel in derjenigen Wissenschaft, welche alle möglichen Wissenschaften zu begründen hat. — Die Wissenschaftslehre hätte in dieser Rücksicht zweierlei zu thun. Zuförderst die Möglichkeit der Grundsätze überhaupt zu begründen; zu zeigen, wie, in wie fern, unter welchen Bedingungen, und vielleicht in welchen Graden etwas gewiss seyn könne, und überhaupt, was das heisse — gewiss seyn; dann hätte sie insbesondere die Grundsätze aller möglichen Wissenschaften zu erweisen, die in ihnen selbst nicht erwiesen werden können.

Jede Wissenschaft, wenn sie nicht ein einzelner abgerissener Satz, sondern ein aus mehrern einzelnen Sätzen bestehendes Ganze seyn soll, hat systematische Form. Diese Form, die Bedingung des Zusammenhangs der abgeleiteten Sätze mit dem Grundsatze, und der Rechtsgrund, aus diesem Zusammenhange zu folgern, dass die erstern nothwendig eben so gewiss seyn müssen, als der letztere, lässt in der besondern Wissenschaft, wenn sie Einheit haben, und sich nicht mit fremden, in sie nicht gehörigen Dingen beschäftigen soll, sich eben so wenig darthun, sondern wird zur Möglichkeit ihrer Form schon vorausgesetzt. Eine allgemeine Wissenschaftslehre hat also die Verbindlichkeit auf sich, für alle möglichen Wissenschaften die systematische Form zu begründen.

2) Die Wissenschaftslehre ist selbst eine Wissenschaft, Auch sie muss daher zuförderst einen Grundsatz haben, der in ihr nicht erwiesen werden kann, sondern zum Behuf ihrer Möglichkeit vorausgesetzt wird. Aber dieser Grundsatz kann auch in keiner andern höhern Wissenschaft erwiesen werden; denn dann wäre diese höhere Wissenschaft die Wissenschaftslehre, und dieje nige, deren Grundsatz erst erwiesen werden müsste, wäre er nicht. Dieser Grundsatz der Wissenschaftslehre, und vermittelst ihrer aller Wissenschaften und alles Wissens ist daher schlechterdings keines Beweises fähig, d. h., er ist auf keinen höhern Satz zurück zu führen, aus dessen Vergleichung mit ihm seine Gewissheit erhelle. Dennoch soll er die Grundlage aller Gewissheit abgeben; er muss daher doch gewiss und zwar in sich selbst, und um sein selbst willen, und durch sich selbst gewiss seyn. Alle andere Sätze werden gewiss seyn, weil sich zeigen lässt, dass sie ihm in irgend einer Rücksicht gleich sind; dieser Satz muss gewiss seyn, bloss darum, weil er sich selbst gleich ist. Alle andere Sätze werden nur eine mittelbare und von ihm abgeleitete Gewissheit haben; er muss unmittelbar gewiss seyn. Auf ihn gründet sich alles Wissen, und ohne ihn wäre überhaupt kein Wissen möglich; er aber gründet sich auf kein anderes Wissen, sondern er ist der Satz des Wissens schlechthin — — Dieser Satz ist schlechthin gewiss, d. h., er ist gewiss, weil er gewiss ist. Er ist der Grund aller Gewissheit, d. h., alles was gewiss ist, ist gewiss, weil er gewiss ist; und es ist nichts gewiss, wenn er nicht gewiss ist. Er ist der Grund alles Wissens, d. h., man weiss, was er aussagt, weil man überhaupt weiss; man weiss es unmittelbar, so wie man irgend etwas weiss. Er begleitet alles Wissen, ist in allen Wissen enthalten, und alles Wissen setzt ihn voraus.

Die Wissenschaftslehre muss, in so fern sie selbst eine Wissenschaft ist, wenn sie nur nicht aus ihrem blossen Grundsatze, sondern aus mehrern Sätzen bestehen soll, — und dass es so seyn werde, lässt sich dar um voraussehen, weil sie für andre Wissenschaften Grundsätze aufzustellen hat — sie muss, sage ich, systematische Form haben. Nun kann sie diese systematische Form von keiner andern Wissenschaft der Bestimmung nach entlehnen, oder der Gültigkeit nach sich darauf berufen, weil sie selbst für alle andere Wissenschaften nicht nur Grundsätze und dadurch ihren innern Gehalt, sondern auch die Form und dadurch die Möglichkeit der Verbindung mehrerer Sätze in ihnen aufzustellen hat. Sie muss mithin diese Form in sich selbst haben, und sie durch sich selbst begründen.

Wir dürfen dies nur ein wenig zergliedern, um zu sehen, was dadurch eigentlich gesagt werde. — Dasjenige, von dem man etwas weiss, heisse indess der Gehalt, und das, was man davon weiss, die Form des Satzes. (In dem Satze: Gold ist ein Körper, ist dasjenige, wovon man etwas weiss, das Gold und der Körper; das was man von ihnen weiss, ist, dass sie in einer gewissen Rücksicht gleich sind, und in so fern eins statt der andern gesetzt werden könne. Es ist ein bejahender Satz, und diese Beziehung ist seine Form.)

Kein Satz ist ohne Gehalt oder Form möglich. Es muss etwas seyn, wovon man weiss, und etwas, das man davon weiss. Der erste Satz aller Wissenschaftslehre muss demnach beides, Gehalt und Form haben. Nun soll er unmittelbar und durch sich selbst gewiss seyn, und das kann nichts anders heissen, als dass der Gehalt desselben seine Form, und umgekehrt die Form desselben seinen Gehalt bestimme. Diese Form kann nur zu jenem Gehalte, und dieser Gehalt kann nur zu jener Form passen; jede andre Form zu diesem Gehalte hebt den Satz selbst und mit ihm alles Wissen, und jeder andre Gehalt zu dieser Form hebt gleichfalls den Satz selbst und mit ihm alles Wissen auf. Die Form des absoluten ersten Grundsatzes der Wissenschaftslehre ist also durch ihn selbst nicht nur gegeben, sondern auch als schlechthin gültig für den Gehalt desselben aufgestellt. Sollte es ausser diesem einen absolut-ersten noch mehrere Grundsätze der Wissenschaftslehre geben, die nur zum Theil absolut, zum Theil aber durch den ersten und höchsten bedingt seyn müssen, weil es sonst nicht einen einzigen Grundsatz gäbe: — so könnte das absolut-erste in denselben nur entweder der Gehalt oder die Form, und das bedingte gleichfalls nur entweder der Gehalt oder die Form seyn. Setzet, der Gehalt sei das unbedingte, so wird der absolut-erste Grundsatz, der etwas in dem zweiten bedingen muss, weil er sonst nicht absolut-erster Grundsatz wäre, die Form desselben bedingen; und demnach würde seine Form in der Wissenschaftslehre selbst, und durch sie, und durch ihren ersten Grundsatz bestimmt: oder setzet umgekehrt, die Form sei das unbedingte, so wird durch den ersten Grundsatz nothwendig der Gehalt dieser Form bestimmt, mithin mittelbar auch die Form, in so fern sie Form eines Gehaltes seyn soll; also auch in diesem Falle würde die Form durch die Wissenschaftslehre, und zwar durch ihren Grundsatz bestimmt. — Einen Grundsatz aber, der weder seiner Form, noch seinem Gehalte nach, durch den absolut-ersten Grundsatz bestimmt würde, kann es nicht geben, wenn es einen absolutersten Grundsatz, und eine Wissenschaftslehre, und ein System des menschlichen Wissens überhaupt geben soll. Mithin könnte es auch nicht mehrere Grundsätze geben, als drei; einen absolut und schlechthin durch sich selbst, sowohl der Form, als dem Gehalte nach bestimmten; einen der Form nach durch sich selbst bestimmten, und einem dem Gehalte nach durch sich selbst bestimmten. — Giebt es noch mehrere Sätze in der Wissenschaftslehre, so müssen alle, sowohl der Form, als dem Gehalte nach, durch den Grundsatz bestimmt seyn. Eine Wissenschaftslehre muss demnach die Form aller ihrer Sätze, in so fern sie einzeln betrachtet werden, bestimmen. Eine solche Bestimmung der einzelnen Sätze aber ist nicht anders, als so möglich, dass sie sich selbst wechselseitig bestimmen. Nun aber muss jeder Satz vollkommen bestimmt seyn, d. i., seine Form muss nur zu seinem Gehalte, und zu keinem andern, und dieser Gehalt muss nur zu der Form, in der er ist, und zu keiner andern passen; denn sonst würde der Satz dem Grundsatze, in so fern er gewiss ist, (S. oben) nicht gleich, und mithin nicht gewiss seyn. — Wenn nun alle Sätze einer Wissenschaftslehre an sich verschieden seyn sollen — wie sie es denn seyn müssen, denn sonst wären es nicht mehrere Sätze, sondern ein und ebenderselbe Satz mehreremale: — so kann kein Satz seine vollkommne Bestimmung anders, als durch einen einzigen unter allen erhalten; und hierdurch wird denn die ganze Reihe der Sätze vollkommen bestimmt, und es kann keiner an einer andern Stelle der Reihe stehen, als an der er steht. Jeder Satz in der Wissenschaftslehre bekommt durch einen bestimmten andern seine Stelle bestimmt, und bestimmt sie selbst einem bestimmten dritten. Die Wissenschaftslehre bestimmt sich mithin durch sich selbst die Form ihres Ganzen.

Diese Form der Wissenschaftslehre hat nothwendige Gültigkeit für den Gehalt derselben. Denn wenn der absolut-erste Grundsatz unmittelbar gewiss war, d. i., wenn seine Form nur für seinen Gehalt, und sein Gehalt nur für seine Form passte. — durch ihn aber alle möglichen folgenden Sätze, unmittelbar oder mittelbar, dem Gehalte oder der Form nach, bestimmt werden; — wenn sie gleichsam schon in ihm enthalten lägen; — so muss eben das von ihm gelten, was von jenem gilt, dass ihre Form nur zu ihrem Gehalte, und ihr Gehalt nur zu ihrer Form passe. Diess betrift die einzelnen Sätze; die Form des Ganzen aber ist nichts anders, als die Form der einzelnen Sätze in Einem gedacht, und was von jedem einzelnen gilt, muss von allen, als Eins gedacht, auch gelten.

Die Wissenschaftslehre soll aber nicht nur sich selbst, sondern auch allen möglichen übrigen Wissenschaften ihre Form geben, und die Gültigkeit dieser Form für alle sicher stellen. Dieses lässt sich nun nicht anders denken, als unter der Bedingung, dass alles, was Satz irgend einer Wissenschaft seyn soll, schon in irgend einem Satze der Wissenschaftslehre enthalten, und also schon in ihr in seiner gehörigen Form aufgestellt sei. Und dieses eröffnet uns einen leichten Weg zum Gehalte des absolut-ersten Grundsatzes der Wissenschaftslehre zurück zu gehen, von dem wir jetzt etwas mehr sagen können, als wir vorhin konnten.

Man nehme an, gewiss wissen heisse nichts anders, als Einsicht in die Unzertrennlichkeit eines bestimmten Gehalts von einer bestimmten Form haben, (welcher nichts weiter als eine Namenerklärung seyn soll, indem eine Realerklärung des Wissens schlechterdings unmöglich ist,): so liess sich schon jetzt ungefähr einsehen, wie dadurch, dass der absolut-erste Grundsatz alles Wissens seine Form schlechthin durch seinen Gehalt, und seinen Gehalt schlechthin durch seine Form bestimmt, allem Gehalte des Wissens seine Form bestimmt werden könne; wenn nemlich aller mögliche Gehalt in dem seinigen läge. Mithin müsste, wenn unsre Voraussetzung richtig seyn, und es einen absolut-ersten Grundsatz alles Wissens geben sollte, der Gehalt dieses Grundsatzes derjenige seyn, der allen möglichen Gehalt in sich enthielte, selbst aber in keinem andern enthalten wäre. Es wäre der Gehalt schlechthin, der absolute Gehalt.

Es ist leicht zu bemerken, dass bei Voraussetzung der Möglichkeit einer solchen Wissenschaftslehre überhaupt, so wie insbesondere der Möglichkeit ihres Grundsatzes immer vorausgesetzt werde, dass im menschlichen Wissen wirklich ein System sey. Soll ein solches System darin seyn, so lässt sich auch, unabhängig von unserer Beschreibung der Wissenschaftslehre erweisen, dass es einen solchen absolut-ersten Grundsatz geben müsse.

Soll es kein solches System geben, so lassen sich nur zwei Fälle denken. Entweder, es giebt überhaupt nichts unmittelbar Gewisses; unser Wissen bildet mehrere oder Eine unendliche Reihe, in der jeder Satz durch einen höhern, und dieser wieder durch einen höhern u. s. f. begründet wird. Wir bauen unsre Wohnhäuser auf den Erdboden, dieser ruht auf einem Elephanten, dieser auf einer Schildkröte, dieser — wer weiss es, auf was, und so ins unendliche fort. — Wenn es mit unserm Wissen einmal so beschaffen ist, so können wir es freilich nicht ändern, aber wir haben dann auch kein festes Wissen: wir sind vielleicht bis auf ein gewisses Glied in der Reihe zurückgegangen, und bis auf dieses haben wir alles fest gefunden; aber wer kann uns dafür einstehen, dass wir nicht, wenn wir etwa noch tiefer gehen sollten, den Ungrund desselben finden, und es werden aufgeben müssen? Unsre Gewissheit ist erbeten, und wir können ihrer nie auf den folgenden Tag sicher seyn.

Oder — der zweite Fall — unser Wissen besteht aus endlichen Reihen, aber aus mehrern. Jede Reihe schliesst sich in einem Grundsatze, der durch keinen andern, sondern bloss durch sich selbst begründet wird; aber es giebt solcher Grundsätze mehrere, welche, da sie sich alle, und schlechthin unabhängig von allen übrigen begründen, keinen Zusammenhang unter sich haben, sondern völlig isolirt sind. Es giebt etwa mehrere angebohrne Wahrheiten in uns, die alle gleich angebohren sind, und in deren Zusammenhang wir keine weitere Einsicht erwarten können, da derselbe über die angebohrnen Wahrheiten hinaus liegt; oder es giebt ein mannigfaltiges Einfaches in den Dingen ausser uns, das uns durch den Eindruck, den sie auf uns machen, mitgetheilt wird, in dessen Zusammenhang wir aber nicht eindringen können, da es über das Einfachste im Eindrucke kein noch einfacheres geben kann. — Wenn es sich so verhält; wenn das menschliche Wissen an sich, und seiner Natur nach solches Stückwerk ist, wie das wirkliche Wissen so vieler Menschen; wenn ursprünglich eine Menge Fäden in unserm Geiste liegen, die unter sich in keinem Punkte zusammenhängen, noch zusammengehängt werden können, so vermögen wir abermals nicht gegen unsre Natur zu streiten; unser Wissen ist, so weit es sich erstreckt, zwar sicher; aber es ist kein einiges Wissen, sondern es sind viele Wissenschaften. — Unsre Wohnung stünde dann zwar fest, aber es wäre nicht ein einiges zusammenhängendes Gebäude, sondern ein Aggregat von Kammern, aus deren keiner wir in die andre übergehen könnten; es wäre eine Wohnung, in der wir uns immer verirren, und nie einheimisch werden würden. Es wäre kein Licht darin, und wir blieben bei allen unsern Reichthümern arm, weil wir dieselben nie überschlagen, nie als ein Ganzes betrachten, und nie wissen könnten, was wir eigentlich besässen; wir könnten nie einem Theil derselben zur Verbesserung des übrigen anwenden, weil kein Theil sich auf das übrige bezöge. Noch mehr, unser Wissen wäre nie vollendet; wir müssten täglich erwarten, dass eine neue angebohrne Wahrheit sich in uns äussere, oder die Erfahrung uns ein neues Einfaches geben würde. Wir müssten immer bereit seyn, uns irgendwo ein neues Häuschen anzubauen. — Dann wäre keine allgemeine Wissenschaftslehre nöthig, um andre Wissenschaften zu begründen. Jede wäre auf sich selbst gegründet. Es würden so viele Wissenschaften geben, als es einzelne unmittelbar gewisse Grundsätze gäbe.

Soll aber nicht etwa bloss ein oder mehrere Fragmente eines Systems, wie im ersten Falle, oder mehrere Systeme wie im zweiten, sondern soll ein vollendetes und Einiges System im menschlichen Geiste seyn, so muss es einen solchen höchsten und absolut-ersten Grundsatz geben. Verbreite von ihm aus sich unser Wissen in noch so viele Reihen, von deren jeder wieder Reihen u. s. f. ausgehen, so müssen doch alle in einem einzigen Ringe festhangen, der an nichts befestiget ist, sondern durch seine eigne Kraft sich, und das ganze System hält. — Wir haben nun, einen durch seine eigene Schwerkraft sich haltenden Erdball, dessen Mittelpunkt alles, was wir nun wirklich auf dem Umkreise desselben, und nicht etwa in die Luft, und nur perpendikular, und nicht etwa schiefwinklicht angebaut haben, allmächtig anzieht, und kein Stäubchen aus seiner Sphäre sich entreissen lässt.

Ob es ein solches System, und, — was die Bedingung desselben ist, — einen solchen Grundsatz gebe, darüber können wir vor der Untersuchung vorher nichts entscheiden. Der Grundsatz lässt sich nicht nur als blosser Satz, er lässt sich auch als Grundsatz alles Wissens nicht erweisen. Es kommt auf den Versuch an. Finden wir einen Satz, der die innern Bedingungen des Grundsatzes alles menschlichen Wissens hat, so versuchen wir, ob er auch die äussern habe; ob alles, was wir wissen, oder zu wissen glauben, auf ihn sich zurückführen lasse. Gelingt es uns, so haben wir durch die wirkliche Aufstellung der Wissenschaft bewiesen, dass sie möglich war, und dass es ein System des menschlichen Wissens gebe, dessen Darstellung sie ist. Gelingt es uns nicht, so ist entweder überhaupt kein solches System, oder wir haben es nur nicht entdeckt, und müssen die Entdeckung desselben glücklichern Nachfolgern überlassen. Geradezu behaupten, dass es überhaupt keines gebe, weil wir es nicht gefunden haben, ist eine Anmaassung, deren Widerlegung unter der Würde der ernsten Betrachtung ist.